Mutter sein: Und plötzlich schnappt die Gender-Falle zu

Genderfalle: Plötzlich Mutter

Jahrelang stellten Dinge wie Pay-Gap, weibliche Stereotype und Gleichberechtigung keine Gefahr für mich dar. Bis ich als Mutter auftrat: Da schnappte plötzlich die Gender-Falle zu.

Obwohl es kein Geheimnis ist, dass in der Bildung und im gesellschaftlichen Umfeld geschlechterspezifische Unterschiede in der Kindererziehung gemacht werden, merken wir oft erst im Berufsleben oder als Eltern, dass Gleichberechtigung noch lange nicht ihren Idealzustand erreicht hat. Dann ist es aber meist zu spät und die Gender-Falle hat uns im Griff. Ich frage mich, ob es möglich ist, dass ich außer als Mutter auch noch als Sprachwissenschaftlerin, Redakteurin oder ganz Allgemein als berufstätige Expertin wahrgenommen werden kann.

Als ich nach den Weihnachtsferien mit meiner 15 Monate alten Tochter im Zug saß – schön wie es sich gehört im Familienbereich natürlich – da sprach mich mein Gegenüber aus heiterem Himmel an. Die ganze Fahrt über schon redete er mit seinem Sitznachbar über eine wilde Nacht in Stuttgart vor 20 Jahren, darüber, dass die Strecke Ulm-Stuttgart immer total überfüllt ist und dass er seine Wurstsemmel nie an einem Stück aufessen kann. Zuerst dachte ich, die beiden würden zusammen reisen oder sich zumindest kennen. Aber als ich Sack und Pack und Kind endlich sicher verstaut hatte und eine Minute zum aufatmen hatte, merke ich, dass der Sitznachbar desinteressiert aus dem Fenster schaute und immer nur „mhm“ grummelte. Als auch mein Gegenüber merkte, dass sein Sitznachbar sich von keinem der angebotenen Themen mitreissen lassen würde, wendete er sich plötzlich an mich:

„Wissen Sie, wie ich den Schokofleck aus meinem Pulli raus bekomme?“

Total perplex schaute ich ihn an und als keine Antwort kam meinte er: „Naja, Sie als Mutter wissen solche Dinge doch bestimmt.“ Na bei so einer Lebenswichtigen Frage, konnte ich ihm meinen Rat ja wohl kaum vorenthalten, also antwortete ich: „Ich würde es mit Waschen versuchen.“ Mein Gegenüber fand die Antwort weder lustig noch hilfreich und wendete sich wieder seinem Wurstsemmel zu.

Dieses kurze Gespräch brachte mich zum Nachdenken.

Wann Frauen zu Feministinnen werden

Bis vor 2-3 Jahren habe ich mich nicht für Emanzipation oder Feminismus interessiert. Berichte über die gläserne Decke, Frauenquote und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nahm ich meinst überhaupt nicht wahr, und wenn doch, dann las ich sie nicht. Aber ich glaube nicht, dass ich ein Sonderfall war. Ganz im Gegenteil! Ich bin mir ziemlich sicher, dass die wenigsten Mädchen und jungen Frauen sich als Feministinnen bezeichnen würden.

Ich erinnere mich an eine Diskussion mit Schülerinnen der Oberstufe während einer Nachhilfestunden. Alle hatten einen Migrationshintergrund, ihre Eltern kamen größtenteils aus der Türkei, aus Bulgarien und Albanien. Sie alle wünschten sich, eine tolle Ausbildungsstelle zu bekommen oder bald ihr Traum-Studium zu beginnen. Alle Gemeinsam hatten sie, dass der Berufsalltag aber bitte mit Kind und Familie vereinbar sein sollte.

Jahre später, eine andere Situation: Ich sitze in einer Runde mit Lehramtstudentinnen und wir reden über das Thema Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen im Klassenzimmer, als plötzlich eine meint:

„Ich verstehe den ganzen Aufruhr über Gleichberechtigung überhaupt nicht. Das braucht doch heutzutage kein Mensch mehr: Mädchen können studieren was sie wollen, Kinderbetreuung und Elterngeld machen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich und überhaupt ist es ja auch nicht schlimm, wenn Mütter bei ihren Kindern bleiben wollen.“

Wie Frühkindliche Prägung die Studienwahl bestimmt

Nein, schlimm ist das keineswegs. Trotzdem bin ich geschockt, wenn ich an diese Aussage zurück denke und hoffe, dass meine Tochter nie von ihr oder einer Lehrkraft die ähnlich denkt, unterrichtet wird. Denn pädagogische Studien sind da anderer Meinung: es ist immer noch vielerorts so, dass von männlichen Schülern mehr Leistung in mathematischen Fächern gefordert wird und sie dementsprechend im naturwissenschaftlichen Bereich auch mehr gefördert werden. Für Mädchen ist ein ähnlicher Trend erkennbar, betrifft jedoch die Schönschrift und kreativen Fächer wie Kunst und Musik – teilweise auch Deutsch und Sprachen.

Stellen wir uns nun folgenden Verlauf vor: Die Mädchen perfektionieren im Laufe ihrer Gundschuljahre ihre Handschrift. In der weiterführenden Schule haben Jungs während Gruppenarbeiten dann die perfekte Ausrede, um nicht das Poster beschriften zu müssen und dürfen stattdessen den Vortrag halten – Schließlich muss die Arbeit ja gerecht verteilt werden: einer schreibt, der andere trägt vor. Das Ergebnis: Die Schule hat perfekte Sekretärinnen und spitzen Redner ausgebildet.

Ist das nicht erschreckend? Und dann wundern wir uns, wieso Studienfächer geschlechtlich aufgeteilt sind. Schlimmer noch: Nach jahrelanger geschechterdifferenzierter Prägung ist es nicht verwunderlich, wenn es im Volksmund heißt, dass Mädchen einfach sprachlich und künstlerisch begabt sind und Jungs das logische Denken in die Wiege gelegt wurde.

Dabei sind Studieninteressen und Talente anerzogen, gezüchtet, trainiert und gesellschaftlich und sozial konstruiert!

Nur gut, dass ich meiner Tochter von Geburt an nicht nur spanische Geschichten erzähle, sondern ihr auch das Mathebuch ins Bett lege – anstelle von Kuscheltieren versteht sich.

Hilfe! Ich stecke fest in der Mutti-Schublade

Zurück zur Gender-Falle. Wir können der Lehramtsstudentin nicht mehr als Naivität vorwerfen und wenn wir ehrlich sind, haben wir nicht auch schon immer den Feminismus in die Welt geschrien.

Aber spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben oder ab dem Moment, in dem wir Mutter werden, schnappt die Gender-Falle zu und wir sitzen zunächst fest in der Mutti-Schublade.

Schon oft ist mir in meiner 15-monatigen Mutterrolle ein unterschiedlicher Umgang aufgefallen, je nachdem, ob meine Gesprächspartner wussten, dass ich Mutter bin oder eben nicht. Deswegen ist es schon seit einer ganzen Weile so, dass ich in Vorstellungsrunden nicht mehr erzähle, dass ich Mutter bin. Vielleicht im Laufe der Diskussion, wenn es relevant wird, aber ich benutze es nicht, um mich zu präsentieren. Denn in einem Seminar zum Thema Interkulturelle Kommunikation, aber auch in einem Workshop für Genderkompetenz, zählen mein Wissen und meine Erfahrungen, nicht die Tatsache, dass ich neun Monate schwanger war und jetzt ein Mensch in meinem Leben ist, für den ich Verantwortung trage und den ich mehr als alles auf der Welt liebe. Oder habt ihr schon mal davon gehört, dass eine Person im wissenschaftlichen Rahmen sich vorstellt und sagt: „Ich bin übrigens verheiratet“ oder „Ich pflege meinen erkrankten Großvater zuhause“? Also ich nicht. Das gehört ins Privatleben.

Mehr Diskretion, bitte!

Und weil ich nicht jedem im ersten Moment auf die Nase binde, dass ich Mutter bin, erwarte ich das auch von anderen. Als ich mich vor einigen Monaten beispielsweise für einen Job beworben hatte, kam ich nach der Zusage zum Kennenlernen ins Büro. Meine zukünftigen Kollegen und Kolleginnen waren alle unglaublich nett und zuvorkommend. So schien es für sie auch kein Problem zu sein, mich zu fragen, wie ich das denn mache: Uni, Arbeiten und Kind. Eine andere Kollegin fragte mich sogar, wie denn meine Situation sei, ob ich alleinerziehend oder verheiratet bin.

Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass sie nicht in der Lage wären meinen Namen zu googeln, auf meinen Blog zu stoßen und herauszufinden, dass ich Mutter bin. Aber jeder, der mich gegoogelt und in meinem Blog liest, der sollte dann auch verstanden haben, wie ich zu meiner Mutterrolle stehe, nämlich, dass ich (und wahrscheinlich die wenigsten Frauen da draußen) darauf reduziert werden möchte. Es sei denn, es mangelt meinem Gegenüber völlig an Empathie oder der bloßen Fähigkeit zu denken.

Wie ich der Gender-Falle zu entkommen versuche

Erstens erwähne ich mein Kind nicht mehr im Lebenslauf. Ja, ich war ein Jahr in Elternzeit und das kann nun als menschlich, fürsorglich und verantwortungsbewusst ausgelegt werden. Und ja, als Mutter hat man eindeutig einen Vorsprung aller social skills wie Timemanagement, Prioritätensetzung, Konfliktmanagement, Überzeugungskünste and so on. Aber wie meine familiäre Konstellation aussieht, hat (zumindest für mich) nichts in meinem beruflichen Lebenslauf verloren. Anders wäre die Situation, wenn CARE-Tätigkeiten im Allgemeinen, dazu gehört per Definition nicht nur Kinderfürsorge, sondern auch die Pflege eines Familienmitglieds, die Betreuung von Haustieren, Hausarbeit, Ehrenamt… (und bevor ein großer Aufschrei kommt: nein, ich setze Kindererziehung nicht mit Haustier“erziehung“ gleich – obwohl ich mehr als nur einen Hundebesitzer kenne, der beide Arbeiten sehr wohl auf die gleiche Stufe setzen würde). Kurzum: Solange CARE-Tätigkeiten keine eigene Rubik im CV bekommen, hat das bei mir auch nichts verloren.

Das heißt natürlich nicht, dass ich meinem (zukünftigen) Arbeitgeber mein Kind verheimliche. Denn so wie ich Ehrlichkeit fordere, hat auch der Arbeitgeber ein Recht darauf und mit Kindern ist eine strukturelle Anpassung oft einfach nötig. Aber für diese Themen sind im persönlichen Gespräch noch genug Zeit.

Einschub: Ein Must-Read ist übrigens der Artikel von Diana Leib „Wollen Sie Kinder?“ So konterst du diese Frage im Vorstellungsgespräch.

Und zweitens versuche ich nicht und niemals mein Kind als Ausrede zu verwenden. Denn tut das eine Mutter nur ein einziges Mal, dann ist sie für immer abgestempelt. In der Praxis könnte das dann nämlich so aussehen: „Hach, sie kann wegen ihres Kindes keine Abgabefristen einhalten und deswegen ist es schwer sich auf sie zu verlassen. Besser, wie vergeben den verantwortungsvollen Posten an jemand anderen.“ Zu Beginn des letzten Semesters zum Beispiel, habe ich in einem Modul eine Sonderregelung gebraucht, weil ich während einer Pflichtveranstaltung keine Betreuung für meine Tochter hatte. Ich redete lange um den heißen Brei herum, denn ich wollte vermeiden, des Kindes wegen eine Extra-Wurst zu bekommen. Und ehrlich gesagt fühle ich mich auch heute noch nicht gut damit. Aber es war nötig die angebotene Hilfe anzunehmen: Falscher Stolz wäre hier wohl Fehl am Platz und eigentlich bin ich froh, in dieser Situation auf Verständnis gestoßen zu sein.

Plötzlich Männlich*

Bei einem Vater sieht die Situation natürlich anders aus. Im Zug hätte er wahrscheinlich großes Lob geerntet: Ein Vater, der sich mit seinem Kind alleine in den Zug setzt und die Reise durch halb Deutschland mit Spiel und Spaß angenehm gestaltet. Im Lebenslauf und Vorstellungsgespräch würde nicht erwartet werden, dass er seine Familienplanung oder -konstellation offen legt. Hat er aber Elternzeit genommen und berichtet davon, wird es auch hier Anerkennung regnen. Und im Job hätten die neuen Kollegen bestimmt viele andere Themen spannender gefunden, als mit mir über Kind, Küche und Kirche zu reden. Auf der andere Seite hätte es aber auch sein könnten, dass ich als Vater dafür verurteilt worden wäre, wenn ich nach der Elternzeit wieder zurück an die Uni gegangen wäre und nicht die Rolle des Haupt-Verdieners übernommen hätte. Schließlich ist es Männersache, das Geld nach Hause zu bringen und das würde von mir als Mann sicherlich erwartet werden. Wenn ich männlich wäre…

 

*) Angeregt durch das Rhetorikseminar der Beraterin für Genderkonzepte Dr. Susanne Frölich-Steffen. Sie stellte uns die Aufgabe, uns vorzustellen, wie unser Leben verlaufen würde, wenn wir plötzlich im anderen Geschlecht erwachen würden. Notiz an Rande: ein sehr empfehlenswertes Seminar und eine motivierende und inspirierende Trainerin!

Titelbild: pexels – NIKOLAY OSMACHKO

2 Kommentare

  1. „… dass ich in Vorstellungsrunden nicht mehr erzähle, dass ich Mutter bin. Vielleicht im Laufe der Diskussion, wenn es relevant wird, aber ich benutze es nicht, um mich zu präsentieren.“
    Das finde ich klug, denn wenn mir in Seminaren oder wo auch immer, Frauen begegnen, die als wesentliches Merkmal ihrer Person das Muttersein präsentieren, dann wirkt das auf mich schnell irritierend, weil ich mit Frauen deren Selbsverständnis es ist, an allererster Stellle Mutter zu sein, tatsächlich oft nicht viel anfangen kann. Irritiert bin ich auch manchmal, wenn frisch verheiratete Frauen sehr offensiv mit ihrem neuen Ehestatus umgeben(z. B. durch übertrieben deutliches Hervorheben ihres Mädchennamens), als würden sie als Person dadurch aufgewertet.

    Gefällt mir

  2. Sehr gelungener Artikel! Zwar bin ich keine Mutter, weshalb ich es ganz besonders interessant finde, dass Du und offenbar auch andere Mütter mit denselben Problemen kämpfen, mit denen schon meine Mutter (Jahrgang 1948) als weibliche Führungskraft gekämpft hat.
    Auch kinderlosen Frauen begegnen Vorurteile und Ablehnung. Ich würde mich freuen, wenn ich meinen jüngsten Artikel hier mit Dir verlinken dürfte: https://schoenfeldblog.wordpress.com/2018/01/15/dummer-feminismus/
    Vielen Dank für Deinen Artikel und schöne Grüße aus dem kalten Hamburg 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s