Warum Integration kein Synonym für interkulturelles Verständnis ist

Jeder, der die Wahlprogramme deutscher Partein durchblättert hat, kennt sie: die Integration. Aber was genau meinen Politiker damit, wenn sie von Integration sprechen? Warum ich finde, dass der Begriff Integration nicht gleichzusetzen ist mit einem interkulturellen Verständnis, erfahrt in in meinem neuen Blogbeitrag. 

Vor vielen Jahren musste ich in der Schule einen Aufsatz über Toleranz schreiben. Ich zerbrach mir darüber den Kopf, bis ich zu dem Ergebnis kam, dass Toleranz nichts bringt, nicht die Lösung ist, dass Integration der Schlüssel für ein friedliches Zusammenleben ist. Heute, mindestens sechs Jahre später denke ich erneut darüber nach. Denn mit Integration ist es nicht getan. Wir müssen den Faden weiter spinnen und ein interkulturelles Verständnis für Differenz erlangen.

Was bedeutet Integration überhaupt?

Wir denken alle, dass wir den Begriff kennen und ihn zuverwenden wissen. Aber ist das wirklich so? Ich habe ein bisschen Alltagsempirie betrieben und mich umgehört: was verstehen wir als „Integration“?

Die Antworten sind ähnlich und doch unterschiedlich:

„Integration ist die Eingliederung in bestehende Systeme oder Gemeinschaften unter Berücksichtigung sozialer oder technischer Gesichtspunkte.“

Integration kann somit nicht nur als menschliches Phänomen, sondern auch technisch sein

„Integration bedeutet, dass man sich in seiner neuen Heimat wohl fühlt und in die Gesellschaft einbringt.“

Integration kann ein aktives Einbringen in eine neue Kultur heißen, Integration kann Anpassung sein. Das impliziert aber auch, dass Integration die Aufgabe des sich-Integrierenden ist, dass es eine aktive Mitarbeit fordert und Integration nicht durch passives über-sich-ergehen-lassen funktioniert. Aber ist Integration nicht auf Augabe der Gesellschaft, in die sich jemand integrieren möchte? Muss die Gesellschaft nicht die Rahmenbedinungen dafür schaffen, dass Integration überhaupt möglich ist? Aber darauf gehen wir später ein. Denn mir scheint, als hätten wir noch nicht ganz beantwortet, was Integration eigentlich bedeutet.

Was sagt die Wissenschaft?

Werfen wir einen Blick auf das Forschungsfeld der Interkulturellen Kommunikation, genauer gesagt auf die Bennett Skala. Diese besagt, dass innerhalb von sechs Stufen kulturelle Unterschiede erkannt werden können. Mit jeder Stufe steigt die komplexe Wahrnehmung kultureller Differenzen.

IDC
Die Bennett Skala (Quelle: idi)
  • Denial: Meine Kultur ist die einzig wahre. Ich bemerke andere Kulturen überhaupt nicht.
  • Polarization: Es gibt zwar noch andere Kulturen, aber diese sind minderwertiger als meine. Ich betone die negativen Stereotype anderer Kulturen.
  • Minimization: Ich bin unfassbar tolerant gegenüber anderen Kulturen und sehe die Unterschiede im Essen, in der Gesetzeslage und anderen gesellschaftlichen Bereichen. Aber die universellen menschlichen Werte sind überall gleich, sprich: wie in meiner eigenen Kultur.
  • Acceptance: Ich weiß, dass es eine Vielzahl an unterschiedlichen Kulturen gibt, und dass Kultur (er-)lernt wird. Auch wenn ich (bestimmte) andere Kulturen nicht mag, möchte ich meine Vorurteile ablegen.
  • Adaptation: Ich bin in der Lage andere Kulturen genau zu verstehen. Ich fühle Empathie mit Mitgliedern anderer Kulturen.
  • Integration: Ich selbst bin nur ein kleiner Teil einer Kultur, meine Selbstidentifikation ist marginal. Ich kann beliebig zwischen den Kulturen wechseln.

Wir sehen also, dass Anpassung nicht gleich Integration bedeutet und welche Schritte überhaupt nötig sind, um das Stadium der Integration zu erreichen. Es ist mehr als nur ein Wohlfühlen in der neuen Gemeinschaft und es ist auch mehr als die Eingliederung in ein bestehendes System. Denn das würde bedeuten, dass es immer noch nur ein nebenher-laufen der anderen Kultur ist.

In meinem Text the cultural switch beantworte ich ganz gut die Frage, wo ich mich in diesem Kontinuum sehe. Mir scheint es unmöglich, den Schritt von Anpassung zu Integration zu überschreiten, denn dass würde bedeuten, dass ich meine eigene Identität, mein „Deutsch sein“ aufgeben müsste (um vom Leben in Mexiko zu sprechen).

In der Politik meint Integration „ein gutes Zusammenleben“

Kommen wir zu der Frage zurück, was Integration für die Politik bedeutet: was meinen nun die Parteien in Deutschland, wenn sie von Integration sprechen? Haben sie ein interkulturelles Verständnis für die Lebenslage, in denen sich Flüchtlinge, Ausländer und Besucher befinden?

Werfen wir einen kurzen Blick in die Wahlprogramme einiger Parteien.

Im Wahlprogramm der CDU heißt es:

„Zu unserem Land gehören alte und neue Deutsche, Menschen mit und ohne deutschen Pass, mit und ohne Migrationshintergrund. Die große Mehrheit ebenso wie ethnische und gesellschaftliche Minderheiten. Wir schließen niemanden aus und bitten alle, an einer guten Zukunft Deutschlands mitzuwirken. Es ist in beiderseitigem Interesse, dass Integration stattfindet und gelingt. So werden wir das Entstehen von Parallelgesellschaften und von Multi-Kulti verhindern.“

Ganz im Sinne der Bennett Skala heißt Integration hier eben keine Vermischung verschiedener Kulturen, sondern die Anpassung in die deutsche Leitkultur und das hinter-sich-lassen der eigenen (fremden, andersartigen) Identität.

Spannend ist auch die Aussage, dass „der Erfolg der Integration […] maßgeblich von den Frauen abhängen“ wird. Das wird aber auch nicht näher erläutert und Bezugnahme meinerseits zu diesem Statement wäre reine Spekulation (von der ich mich als Nicht-Politikwissenschaftlerin lieber fern halte).

Ich, als Ausländer in Mexiko behaupte, dass das schlichtweg nicht umsetzbar ist. Ein Fremder kann und sollte die neue Sprache beherrschen, sich an die Werte und Gesetze der (Gast-)Kultur halten und sich aktiv in die Arbeits- und Kulturgemeinschaft einbringen. Aber können erwachsene Menschen ihre jahrelang gelernten und gelebten Werte wirklich ablegen? Hätte ich meine deutsche Arbeitsmentalität durch die mexikanische ersetzen können? Hätte ich dem mexikanischen Rollenbild der guten Frau entsprechen können? Mit der Globalisierung geht Vermischung der Kulturen einher und Multi-Kulti ist nicht mehr zu vermeiden. Vielmehr sollte es darum gehen, Parallelgesellschaften einen Rahmen zu geben, damit sie nicht nur neben der sogenannten Leitkultur existieren, sondern miteinander interagieren.

Im Wahlprogramm der SPD nimmt Integration noch eine andere Dimension mit auf:

„Wir wollen eine Gesellschaft für alle. Das heißt: Alle Menschen in Deutschland haben die gleichen Rechte. Für uns sind alle Menschen gleich. Für uns ist es dabei egal, woher ein Mensch kommt, wie alt ein Mensch ist, ob ein Mensch eine Behinderung hat oder nicht, welche Religion ein Mensch hat, ob es eine Frau oder ein Mann ist, welche Hautfarbe ein Mensch hat, ob man eine Frau oder einen Mann liebt usw.“

Der Begriff der Integration wird aber ausschließlich im Zusammenhang mit Inklusion verwendet, in anderen Worten: es geht um die Integration von Menschen mit Behinderung.

Im Wahlprogramm der AfD heißt es:

„Die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert. Um mit Einwanderern in der Zukunft friedlich zusammenleben zu können, ist deren Integration unerlässlich. Nur so lässt sich auch das weitere Vordringen von Gegen- und Parallelgesellschaften in unserem Land verhindern. […] Jeder Einwanderer hat eine unabdingbare Bringschuld, sich zu integrieren; er muss sich seiner neuen Heimat anpassen, nicht umgekehrt.“

Was hier eindeutig falsch verstanden wird, ist dass die Bennett Skala auch für sogenannte Einheimische gilt. Auch ein in Deutschland lebender Deutsche kann sich in die Bennett Skala einordnen, indem er sich einfache Fragen stellt: Erkenne ich andere Kulturen an? Sind andere Kulturen schlechter als meine Eigene? Kann ich Mitglieder anderer Kulturen verstehen?

Wichtig ist es, seine eigenen Grenzen zu kennen. Ein Beispiel? Meine Grenze ist die Empathie für Frauenfeindliche Kulturen, sprich Kulturen, in denen schwangere, unverheiratete Frauen eine Straftat begehen oder Gesellschaften, in denen Frauen nicht selbst darüber entscheiden dürfen, ob sie ein ungeborenes Kind abtreiben wollen/dürfen/können oder eben nicht.

Was das Wahlprogramm der AfD also zu vergessen scheint, ist, dass auch ein Deutscher die Aufgabe der Integration hat. Wir müssen die Bedingungen schaffen, dass Integration möglich ist und unsere Grenzen kennen. ist es realistisch schon einer eingewanderten Frau zu verlangen ihr Kopftuch abzunehmen? Oder ist das Tragen eines Kopftuches so sehr Teil ihrer Kultur und ihrer Wertvorstellungen, dass es eine Verletzung ihrer individuellen Menschenrechte wiedersprechen würde. Haben wir in Mexiko geheiratet, als wir schwanger wurden, weil es in der katholischen Gesellschaft verlangt wurde? Nein.

Im Wahlprogramm der Grünen finden wir den Wohlfühl-Faktor wieder:

Die Grünen schreiben: „Die Person [die neu in unser Land gekommen ist] fühlt sich in dem neuen Land zuhause.“ Weiter heißt es: „Wir wollen Integration schaffen: Flüchtlinge sollen in Deutschland eine passende Betreuung bekommen.“

Anders als bei den anderen Beispielen, die eine aktive Integration seitens der Ausländer verlangten, lese ich hier zum ersten Mal, dass wir aus unserem passiven Nestchen kriechen sollen und eine Betreuung anbieten sollen.

Wo bleibt das interkulturelle Verständnis?

Aber ich frage mich: Wo bleibt das interkulturelle Verständnis? Denn meine Suchfrage „Interkulturell“ hat in den Wahlprogrammen null treffen erzeugt. Gebe ich diesen Suchbegriff jedoch in Job-Suchmaschinen ein, kann ich mich vor Angeboten kaum retten. Es wimmelt überall von interkulturellen Berater, interkulturellen Trainings und Kursen für intercultural competence. Die Nachfrage ist da. Aber eben nur in der Wirtschaft.

Der springende Punkt ist, dass Expatriates von ihren Firmen vor einer Auslandsentsendung ein interkulturelles Training bekommen, damit sie ich in der neuen Kultur zurecht finden. Sie müssen sich nicht Integrieren, ihre „deutsche Identität“ hinter sich lassen, sondern sie sollen lediglich die Gast-Kultur verstehen und sich in der ein oder anderen Situation anpassen. Um in Stereotypen zu sprechen: Sie sollen sich vor den mexikanischen Frauen schützen, denn die wollen nur nach Deutschland; sie sollen das mexikanische Essen loben und keine politischen Gespräche beginnen; sie sollen die Kolonialisierung nicht ansprechen und sie sollten ein bisschen Small Talk auf Spanisch betreiben können. Integration wird nicht verlangt.

Wieso fordern wir aber eine Integration von Ausländern in Deutschland – ohne interkulturell wirklich zu verstehen, was Integration eigentlich bedeutet und dass wir viel mehr eine Anpassung verlangen und unterstützen sollten, als eine totale Integration?

Verständnis vor Integration

Ich kann ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass ich mich in Mexiko nicht integriert habe. Ich habe mich angepasst, ja. Aber auch nicht immer und wahrscheinlich oft mehr schlecht als recht.

Meiner Meinung nach ist Integration Utopie. Viel wichtiger ist das Verständnis für kulturelle Vielfalt. Wir sollten uns damit auseinander setzen, wie Mitglieder verschiedener Kulturen miteinander leben können – ohne brennpunktartige Parallelgesellschaften entstehen zu lassen (wovor die Politik ja so große Angst zu haben scheint). Denn ein Zurück gibt es nicht mehr. Die Globalisierung ist in vollem Gange, die Vermischung der Kulturen schreitet immer weiter fort und jeder versucht verzweifelt ein bisschen seiner eigenen Identität zu wahren.

Und sind wir mal ganz ehrlich: es gibt nicht nur christliche Kulturen vs. muslimische, oder die deutsche Kultur vs. die französische. Es gibt eine Sportkultur, Schachklubkultur, Theaterkultur, Jugendkultur, Seniorenkultur, Tischkultur, Abendkultur, Weggehkultur, Urlauberkultur, bayrische Kultur, Ostseekultur, Großstadtkultur, Dorfkultur,… (und ihr seht, das Ganze lässt sich ins Unendliche spinnen). Wollen wir wirklich einen Einheitsbrei? Wollen wir wirklich die Eliminierung aller Kulturen zur Freude der einen Leitkultur?

 

 

Anmerkung: dieser Blogbeitrag drückt nicht meine politische Gesinnung aus und erfüllt nicht den Zweck zu zeigen, welche deutsche Partei Integration besser, schlechter oder erfolgreicher praktiziert. Mit diesem Beitrag möchte ich zeigen, dass Integration ein schwer zu definierender Begriff ist und vor allem, dass Integration nicht die Lösung aller Probleme in der Flüchtlingsdebatte ist. Denn wenn wir hinter die Kulissen schauen und verstehen, was Integration wirklich bedeutet, merken wir, dass sich die wenigsten von uns (Erwachsenen) integrieren würden (können). Anders sieht der Stand bei den sogenannten Third Culture Kids aus. Ein spannender Beitrag dazu auf expatmamas.de.

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese interessanten Ausführungen. Mich beschleicht immer ein Unwohlsein wenn in politischem Kontext von Integration geredet wird. Wahrscheinlich weil es doch oft einfach nur eine worthülse ist – oder weil Menschen selber eben nie dazu bereit wären ihre eigene Identität dermaßen zu verleugnen wie es ihr Integrationskonzept vorsieht, so wie Du schreibst.

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  2. Hi Josi,
    interessanter Artikel. Ich mag differenzierte Ansichten, von Menschen die sich Gedanken gemacht haben.

    (Und ich hasse platte Phrasen auf engstirnigem Stammtischniveau, von denen ich in meinem Leben schon viel zu viele hören musste 😉 )

    Heißes Thema, über das jeder so seine Meinung zu haben scheint. Um mal einen Input aus der ländlichsten Taubertal-Provinz zu bringen, wo 15000 Einwohner schon die nächste größere Stadt sind.
    Hier gilt als integriert, wer im Verein ist. Und meine Beobachtung, hier in meiner kleinen Dorfidylle ist, dass das in der Praxis hier auf eine wunderbare Weiße funktioniert. Wer hier in Feuerwehr, Gesangsverein oder Landfrauen integriert und bei den üblichen Dorffesten regelmäßig von der Partie ist, der hat hier auch einen festen, respektierten Platz in der Gesellschaft.
    Ich erlebe das hier sehr positiv und ich denke Integration ist zum großen Teil regional und weniger national.

    Liebe Grüße
    Kathrin

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    1. Liebe Kathin, danke für dein Kommentar. Das ist wirklich eine spannende Beobachtung! Ich kann mir gut vorstellen, dass (Sport-)Vereine, Feuerwehr und Co. eine (Dorf-)Gemeinschaft stärken und auch, dass Integration besser auf regionaler Ebene als auf nationaler umzusetzen wäre. So wie ich auch geschrieben habe, gibt es ja nicht nur die „Deutsche Kultur“, sondern wir merken auch immer wieder, wie es die Generalisierung in „den Süden“ vs. „den Norden“ oder ähnliches gibt. Liebe Grüße in die Taubertal-Provinz 😉 Josi

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