6 Dinge, die ich in Mexiko gelernt habe

Mexiko ist ein vielfältiges Land. Hier habe ich viel gelernt, über mich und über das Leben. Aber es ist nicht alles rosarot und das Leben im südlichsten Land des nordamerikanischen Kontinents öffnete mir mehr als nur ein Mal die Augen.

2013 kam ich zum ersten Mal nach Mexiko, verließ zum ersten Mal in meinem Leben mit 21 Jahren Europa. Zwar bin ich mit meiner Familie und später alleine und mit Freunden auch schon immer viel in Europa gereist, aber dass meine kleine Schwester vor mit den amerikanischen Kontinent betrat (Schüleraustausch USA), das nagte doch an mir. Natürlicher Geschwisterneid nennt man das wohl 😉

Mexiko, die Erste: Liebe auf den ersten Blick

Mein erster 9-monatiger Aufenthalt in Mexiko (hier habe ich sogar meinen Erfahrungsbericht wieder gefunden – hat schon seine Vorteile, dass das Internet nie vergisst), ist mir durch und durch positiv in Erinnerung geblieben: Studentenpartys, viele Bekanntschaften, sehr gute Freundschaften, Städtetrips, Strandurlaube, Erlebnistouren im Urwald von Chiapas,… die Liste kann über Kulinarisches bis Kulturelles und Persönliches unendlich weiter geführt werden. Ich war so verliebt, dass ich mir schwor, unbedingt wieder zu kommen.

Als ich vor genau 1400 Tagen Mexiko zum ersten Mal verließ, litt ich an der schlimmsten Form des Liebeskummers, denn damals verliebte ich mich unsterblich und unwiderrufbar in dieses bunte und laute Land. Aber zunächst folgten 1,5 Jahre bittere Fernbeziehung.

Mexiko, die Zweite: Von der rosaroten Brille geblendet

Als ich 2015 zurück nach Mexiko kam, folgte ganz unerwartet eine turbolente Zeit voller Hassliebe, Sehnsucht nach der Heimat und Gleichgültigkeit gegenüber dem mexikanischen Volke. Ich konnte nicht verstehen, wie sich mein geliebtes Land verändert hat. Heute kann ich sagen, es war nicht Mexiko, das anders war, es war die Perspektive, mit der ich das Land nun kennen lernte.

Wie in vielen bereits geschriebenen, teilweise veröffentlichten, teilweise persönlichen Texten geschrieben, war es für mich nicht leicht, die ausbeuterische Arbeitswelt, in der Mitarbeiter wenig persönliche Rechte haben, die hierarchische Kontrolle hoch ist und die Arbeitsbedingungen teils katastrophal sind, zu akzeptieren, noch dazu schwanger! (Dank am Rande Nummer 1: und jetzt hatte ich noch das Glück eines deutschen Chefs).

So kam es, dass ein sich beschwerender Expat (von der Heimatfirma entsendete Deutsche) mein sarkastisches „Oh, ihr Armen, euch geht es ja so schlecht“ zu hören bekam. (Dank am Rande Nummer 2: und jetzt hatte ich das Glück, dass mein Freund ein solcher Expat war und mich bei sich aufgenommen hat.) 😀

Mexiko, die dritte: Wenn die alte Liebe wieder entfacht

Im Großen und Ganzen bin ich eigentlich sehr glücklich das Jahr mit meinem Medi zu Hause geblieben zu sein. Denn so hatte nicht nur meine Tochter das „Ein Jahr rund um Sorglos“-Paket, sondern auch ich konnte die schönes Seiten Mexikos wieder für mich entdecken und heute über fünf Dinge schreiben, die ich hier gelernt habe.

1. Allem vorweg, uns geht es in Deutschland unfassbar gut.

Ja, es gibt Verbesserungsbedarf in vielerlei Hinsicht. Umweltschutz, Familienpolitik, Rentenvorsorge, Gleichberechtigung, Integration, Bildungspolitik. Vielleicht ist meine Meinung etwas radikal, aber unser Sozialstaat ist nicht schlecht. Kein Deutscher und keine Deutsche muss auf der Straße leben. Von Hartz IV abhängig zu sein, ist weiß Gott kein Zucker schlecken, wie ich kürzlich erst hier gelesen habe. Aber hast du schon mal Existenzängste erlitten? Die Angst nach der Ausbildung keine Anstellung zu finden, von deinen Eltern auf ewig finanziell abhängig zu sein oder schlimmer noch, kein Dach über dem Kopf zu haben, weil du es dir nicht leisten kannst und keine Familie hast, die dich auffängt.

2. Trotzdem, die Familie ist mein höchstes Gut.

Dass der Staat uns auffängt, führt zwangsläufig dazu, dass die Familie als Auffanglager in Alemania an zweite Stelle rutscht. Im Idealfall ziehen uns unsere Eltern groß, wir verlassen das Haus und stehen auf eigenen Füßen. Familie adé.

In Mexiko hat die Familie einen weitaus höhreren Stellenwert, auch über die Kindheit (und Pubertät) hinaus. Dieser familiäre Zusammenhalt ist gesellschaftspolitisch betrachtet zwar vor allem auf den fehlenden Staat als soziale und finanzielle Hilfestütze begründet, aber das macht das Ganze nicht weniger herzlich.

Nach zwei Erdbeben, der Angst um Entführungen und der Distanz zu meiner Familie in der Heimat, wurde mir in diesem zwei Jahren sehr deutlich, wie wichtig mir meine Familie ist. Und zwar die, die mich großgezogen hat und die, die ich selbst gebildet habe.

3. Grundlage für einen erfolgreichen Auslandsaufenthalt ist die Auseinandersetzung mit der Zielkultur.

Damit meine ich nicht, die zehn Dos & Dont’ts aus dem Reiseführer zu kennen. Nein, um im Ausland Fuß fassen zu können, muss man als Fremder ein gewisse Bereitschaft der Integration mitbringen.

Dazu gehört auch, die Landessprache zumindest rudimentär zu beherrschen. Meine Erfahrung ist, dass man gleich ein bisschen freundlicher aufgenommen wird, wenn man ein bisschen Small Talk, hola, cómo estás? Soy de Alemania y me encanta México, betreiben kann.

Natürlich fallen uns jeden Tag Dinge auf, die wir in Deutschland anders machen. Manchmal gefällt uns die deutsche Variante besser, manchmal die mexikanische. Das ist vollkommen normal und natürlich. Wenn Unpünktlichkeit nicht magst, dann solltest du eine Strategie entwickeln, wie du in Mexiko damit klar kommst. Denn, verallgemeinert, sind die Mexikaner nicht unpünklich, sondern flexibel. Wenn du die indirekte Sprache nicht magst, nicht verstehst, warum die Mexikaner dir nicht ins Gesicht sagen, wenn ihnen etwas nicht passt, dann hinterfrage, warum das so ist. Sind sie vielleicht sogar höflicher als wir? Ist unsere direkte Sprache für sie respektlos? Du siehst, alles eine Frage der Betrachtung.

4. Reisen bedeutet Bewusstseinserweiterung.

Wer reist, der gewinnt, oder in den Worten des Forschungsreisenden Ibn Battuta:

Reisen – zuerst macht es dich sprachlos, und verwandelt dich dann in einem Geschichtenerzähler

Meine Reisen nach Mexiko, egal ob Urlaub, Praktikum, Auslandssemester oder Auslandsentsendung, ließen mich in meiner Persönlichkeit wachsen. Je länger man hier lebt und umso intensiver man es erlebt, desto größer wird man. Es macht uns zu starken Charakteren, die sich Anpassen können, durch (Selbst- und Fremd)-Reflexion zum Nachdenken anregen, persönlich-individuelle, soziale und berufliche Konflikte lösen können und Perspektiven wechseln können. Wir haben gelernt, dass die Welt nicht (nur) so ist, wie wir sie kennengelernt haben, es gibt viele Wege, um ans Ziel zu kommen. Dass es dabei kein richtig und falsch gibt, liegt auf der Hand. In einem kurzen Satz: Lieber zukünftige Arbeitgeber, Reisende sind der Top-Fang im Teich der Arbeitssuchenden!

5. Qué será, será, whatever will be, will be.

Im Radio läuft es rauf und runter yo no sé manana, si estaremos juntos si se acaba el mundo…; ich weiß nicht, was morgen kommt, oder auch der Klassiker qué será, será, whatever will be, will be… beschreibt die südländische Mentalität in meinen Augen doch sehr treffend.

Es kann eine deutsche wie mich auch schon mal in die Weißglut treiben, wenn wir heute planen, was wir gestern machen wollten oder wenn fünf Tage vor Zahltag kein Geld mehr da ist. Mein Favorit ist allerdings, wenn Termine immer einen Tag vorher bestätigt werden müssen. Letzten Samstag zum Beispiel, da redete ich während unserer fiesta de despedida mit meinem Gynäkologen. Ich hatte ihn uns seine Frau vor über einem Monat eingeladen und seit seiner Zusage haben wir nichts mehr voneinander gehört. Dann erzählte er mir: „Heute morgen, da hatte ich eine deutsche Patientin und habe ihr erzählt, dass ich heute bei einer deutschen Abschiedsfeier eingeladen bin, aber keine confirmación bekommen habe. Da versicherte sie mir mit einem weisen Lächeln: ‚keine Sorge… wenn sie dir nicht abgesagt hat, dann wird die Party stattfinden und sie wird dich erwarten.‘ Und so war es dann auch.“

Aber diese Leichtigkeit, davon können wir uns gerne eine kleine Scheibe abschneiden. Nicht zu viel, denn sonst geht die deutsche Produktivität flöten und made in Germany wäre nicht mehr das, was es mal gewesen ist. 😉

Und ganz ehrlich, dieses sich-fallen-lassen und just with the flow gehen, ist schwerer als gedacht. Neuerdings bin ich ein großer bulletjournal-Fan geworden, werde bald als Mama studieren und arbeiten gehen. Das fordert einiges an Organisationstalent. Ich werde sozusagen von der Qualiäts-Referentin zur Managerin befördert – bei bestenfalls gleichbeibendem Lohn.

Jedoch wäre ich nicht so deutsch durchgeplant wie ich bin, wäre ich sicherlich nicht auf die grandiose Idee gekommen, in meinem bulletjournal einen Pausen-Reminder einzuführen. Ein mal in der Woche nichts tun, die Seele baumeln lassen, nichts planen und mal schauen was draus wird – bestenfalls während mein Medi in der Kita ist, andernfalls ist die Umsetzung kaum wahrscheinlich.

6. Der Mensch braucht Sonnenschein, um glücklich zu sein.

Mag sein, dass es den Mexikanern so leicht fällt, alles ein bisschen lockerer zu sehen, eben weil es schwer fällt, bei Sonnenschein grimmig zu sein.

Da muss ich mir noch mal die Wahlprogramme durchlesen, welche Partei sich für mehr Sonne in Deutschland einsetzt und bei der nächsten Bundestagswahl dort meine Kreuzchen setzen. Bis es soweit ist, müssen einfach ein paar Kurztrips ans Mittelmeer im Budget drin sein.

Mexikanisch geplant…

Alles in einem, hay que tener cuidado. Es bringt nämlich nichts sich der mexikanischen Lebensform, Lebensfreude, zu vermachen und auf Teufel komm raus ein Mexikanier in Deutschland sein zu wollen. Das würde im besten Fall zu Langzeitarbeitslosigkeit führen, weil ich mich immer eine Woche vor Start für ausgeschriebene Stellen bewerben würde. Im schlimmsten Fall zu depressiven Stimmungen.

…goes Bayern

Mexikanisch haben wir die letzten zwei Jahre gelebt. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt in unserem Leben. Für den Foda ist es eine Heimkehr. Für das Medi wird es der Beginn ihres deutschen Leben als third culture baby. Und für mich wird es ein neues Auslandsabenteuer: hello Freistaat Bayern. Eine Preußin in München.

mexikanisch geplant, bairisch gelebt… mexikanische throwbacks werden hier und da auch weiterhin auftauchen 😉

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