Adiós México: wenn wir den Boden unter den Füßen verlieren

Es ist Mittwoch, der 19. September 2017. Vor fünf Tagen feierte ich meinen 26. Geburtstag, der erste als Mama, der vorerst letzte in Mexiko. In elf Tagen fliegen wir in die Heimat. Dabei hat der Tag anders als sonst garnicht mit Heimweh begonnen. Das Medi weckte mich zärtlich (liegt im Auge des Betrachters) über die Wange streichelnd. Die Sonne knallte mit voller Wucht ins Zimmer. Es schien fast so, als würden wir mal wieder seit langem in den Pool hüpfen können – wenn denn dafür Zeit war, denn am Samstag sollte unsere Abschiedsparty steigen und dafür gab es noch einiges zu erledigen.

Wie meine Überredungskünste dazu führten, dass wir eine Viertel Stunde vor Beben im Aufzug standen

Um kurz nach eins verabschiedeten wir unsere Spanischlehrerin. Sie kam eigentlich eine viertel Stunde zu spät, aber weil ich noch so viel auf meiner to do liste stehen hatte, meinte ich, dass wir ja einfach mal 15 Minuten früher Schluss machen könnten. Wie damals in der Schule, als wir versuchten die Lehrer zu überzeugen den Unterricht früher zu beenden. Weil das Leben im Hotel etwas umständlich ist, mussten wir sie mit dem Fahrstuhl nach unten begleiten. Sie könnte ja vom Weg abkommen, andere Hotelgäste belästigen oder das Silberbesteck mitgehen lassen. Das Bild bringt mich zum schmunzeln, wenn ich an meine kleine, zuckersüße Lehrerin denke.

13:07 Uhr. Zurück im Zimmer telefonierte ich kurz mit dem Foda in der Arbeit: „Wie viele Zusagen hast du nun für die Party?“ Ein kurzes Gespräch. Ich erinnere mich nicht, wie wir uns verabschiedeten. Ein Kuss? Ein ich hab dich lieb? oder doch nur ein bis später

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Schon während dem Telefonat räumte ich, mit meinem Medi auf dem Arm, die Spielsachen auf; das Zimmermädchen sollte schließlich später nicht denken, wir würden im Saustall leben. Als es plötzlich schaukelte.

It’s not me, it’s you

Seit dem letzten Beben mitten in der Nacht spüre ich de vez en cuando, wie mein Körper versagt, die Balance verliert, der Gleichgewichtssinn verrückt spielt. So dauerte es auch diesmal ein paar Sekunden, bis ich realisierte, dass nicht ich es war, die schaukelte, sondern wirklich der Boden. Denn wir waren doch alle so naiv zu glauben, dass uns kein zweites Beben so schnell einholen würde.

Es war, als würden meterhohe Wellen an unserem kleinen Fischerboot zerren

Dann kam ein schlagartiger Ruck und das Medi und ich lagen auf dem Boden.Ab diesem Moment setzte mein Gehirn aus und der pure Überlebensinstinkt übernahm die Kontrolle (sofern das möglich war). Aber ich wusste, dass es keinen Ausweg gab. Wir standen im achten Stock, vier Stockwerke Hotel unter uns, darunter noch mal drei Shopping Mall. Ich wankte bis zum Balkon, aber was sollte ich da? Raus, ich wollte einfach nur raus. Also zurück. Meine Alarmglocken läuteten und es erschien ein einziges Wort vor meinem inneren Auge: Türrahmen. Da standen wir dann, ich krallte mich mit einer Hand an den zehn Zentimeter dicken Türrahmen, mit der anderen hielt ich mein aufgeschrecktes Medi fest. Die Lichter gingen aus, das ganze Gebäude wackelte, während wir im Dunkeln im achten Stock standen.

Ich will heim! Die Erde bebte und ich konnte mich nicht auf meinen Körper verlassen. Da fühlte ich, wie klein wir doch sind. Wir haben es nicht rechtzeitig aus dem Hotel geschafft und während die Wände aufgerissen, die Lampen umgefallen und die Lichter ausgegangen sind, standen wir im Türrahmen und fühlten uns zu zweit sehr alleine.

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„Nur ein Scherbenhaufen“: die gefährlichen Schäden sitzen tief: Wie stark beschädigt ist das Fundament hinter der verputzten Wand? Wie verletzlich die Mutter mit dem lächelnden Gesicht?

Wenn der Rettungsweg keine Rettung bringt

Als das Beben nachließ rannte ich den grünen emergency-Lichtern folgend zum Notausgang, folgte der ruta de evacuación. Unten angekommen erwartete mich der blanke Horror: die Notfalltür war verschlossen. Doch mein Gehirn war immer noch auf lautlos gestellt und der Überlebensinstinkt taumelte einfach weiter die Treppen runter, bis ich in der Tiefgarage stand. Erst im Nachhinein wird mir bewusst, was für Auswirkungen die verschlossene Notfalltür hätte haben können.

Jedenfalls war ich im Parkhaus wohl so etwas wie erleichtert: hier kannte ich mich aus. Ich eilte an unserem parkenden Auto vorbei auf die Straße.

Mein Medi hatte den Kopf auf meine Brust gelegt und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an.

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Mit meinen letzten verbliebenen 6 Prozent Handyakku schreibe ich meinem Freund eine Nachricht, meine Finger zittern und wenn ich die Nachricht jetzt lese, macht sie keinen Sinn. Aber er wusste, dass es uns gut ging. Ich kannte das Firmengebäude, bin selbst ein Jahr täglich ein und aus gegangen und das gab mir Sicherheit, denn ich wusste, dass es dem Beben standhalten würde. Danach saßen wir zwei Stunden im Gras und warteten.

 

Danke, für eure zuhörenden Ohren, die lieben Worte und stärkende Telefonate. Darüber zu reden und zu schreiben ist für mich ein großer Schritt der Traumabewältigung und hilft, mir selbst und meinen Sinnen langsam wieder zu vertrauen. Ich bin sehr dankbar für alle schützenden Hände, die meine Familie und mich gehalten haben, uns mit einem blauen Auge haben davon kommen lassen. Die Angst sitzt tief, aber alleine daran zu denken, dass es nur um die Ecke von hier Menschen gibt, die ihre Geliebten verloren haben oder noch immer nicht wissen, wie es um ihre Familien steht, treibt mir eine (dankbare) Träne ins Auge.

6 Comments

  1. Meine Liebe, ich kann jede Sekunde nachempfinden. Alles wird gut und hoffentlich bald denken wir nicht mehr daran. Im Moment kann man sich das gar nicht vorstellen. Es wird alles wieder gut 😘 Ps:schreiben, reden hilft!

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  2. Josi, jetzt habe ich erst deinen Beitrag gelesen. Ja, jeder erfährt es anders und doch ähnelt es sich so. Mögt ihr euch schnell vom Schock erholen und bald gut in Deutschland ankommen :* Berdien

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    1. Danke dir 🙂 der Zusammenhalt in der Blogger-Welt ist einfach bombastisch. Freue mich, dass wir uns gefunden haben. Wenn ich deine Texte lese, bleibe ich auch in Deutschland ein kleines bisschen an Mexiko erinnert. Aber auch wie du neulich geschrieben hast: manchmal fühlt man sich im Ausland auch fremd und dann tut es gut mal wieder in die Heimat zu gehen. Alles Liebe und melde dich wenn du mal wieder in München bist 😘

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