Anécdotas de la oficina: Interkulturelles Verständnis für Deutsche in Mexiko

Interkulturelles Verständnis für Deutsche in Mexiko: Die dos and don’ts am mexikanischen Arbeitsplatz, erzählt in zehn kleinen Anekdoten. Teil 3: Von großen Fischen und Kaffeepausen.

Montagmorgen zwischen sieben und acht Uhr beginnt die Arbeitswoche – eine Arbeitswoche von mindestens 48 Stunden. Freitag schon zur Mittagszeit Feierabend machen, wenn alle to dos erledigt sind, das gibt es hier nicht. Umso schwerer für die deutschen Kollegen, die so gerne mal früher ins Wochenende starten. Work-Life-Balance nennt man das bei uns. Hier heißt es: wenn du einen sicheren Arbeitsplatz willst, dann solltest du auch am Freitag besser nicht vor 17 Uhr deine Karte stempeln.

Ich habe mich ein bisschen gewundert, über diese 48 Stunden. Wenn ich gut organisiert bin, dann sollte ich meine Arbeit doch auch in weniger Zeit schaffen, oder nicht? Und wenn es mal stressigere Wochen gibt, dann sind Überstunden auch in Ordnung. Es braucht zumindest nicht viele Wochen im mexikanischen Unternehmen, und ich beginne zu verstehen, woher diese lange Arbeitswoche kommt. Erfolgreiche Geschäfte werden nicht an einem Tag und auch nicht mal schnell per Mail geschlossen; kollegiale Zusammenarbeit wird groß geschrieben. Das braucht Zeit. Zeit für ein gemeinsames ausgedehntes Mittagessen, Zeit für einen Kaffee am Nachmittag, Zeit für small talk in Meetings. Für unsere „Zeit ist Geld“-Mentalität schwer nachvollziehbar.

Klar, auch in Deutschland ist Vitamin B oft das A und O. So hat mich schon mein erster Chef während eines Praktikums immer zum Kaffee trinken gehen geschickt: Geh mal mit dem und der einen Kaffee trinken. Was ich damals naiverweise als eher unwichtig angesehen habe, lerne ich heute in Mexiko verstehen. Es gibt Tage, da kann ich mir die Finger wund tippen. Selbst meinen inneren Schweinehund zu überwinden und den Telefonhörer in die Hand zu nehmen (ja, auch ich bin einer dieser Millenials, die das Telefonieren hassen), hilft nicht immer. Aber dazu mehr in der dritten Anekdote.

Die Anekdote von vielen Fischen im Meer

Knapp eine Woche ist vergangen seitdem ich den neuen – meinen ersten – Job angetreten bin, und schon habe ich mein erstes großes Projekt. Eine Mitarbeiterzeitschrift soll in unserer Abteilung eingeführt werden: die Kollegen sich vernetzen und über ihren eigenen Tellerrand blicken.

Mit so einem Projekt kommt bekanntlich auch ein ordentliches Budget. Ich habe also einen Auftrag zu vergeben. Das stelle ich mir dann in etwa so vor: ich suche mehrere potentielle Kandidaten aus, kontaktiere die Verantwortlichen per Mail und bitte um ein Portfolio und Angebot. Möge der Beste gewinnen. In der Praxis sieht das ganze aber ein bisschen anders aus, zumindest am lateinamerikanischen Firmenstandort. Ich recherchiere mehrere Tage und tippe mir (erneut) die Finger wund. Aber keine Antwort. Sag mal, mögen die Mexikaner denn kein Geld verdienen? Will keiner den fetten Fisch fangen, den ich ausgeworfen habe?

Es verstreichen ein paar Tage, bis ich schließlich zum Telefon greife und Schwups habe ich tatsächlich mehr Erfolg. Ich werde eingeladen, eine Agentur in Mexiko-Stadt zu besuchen.

Warum sie denn nicht auf meine Mail geantwortet haben? Ihnen ist es wichtig, dass ich die Produktionsstätte und die Grafikdesigner persönlich kennen lerne. Das ist per Mail doch nicht möglich.

Aha. Schon verständlich, aber warum dann keine schriftliche Einladung als Antwort kam? Ja, am Telefon lässt sich das doch einfacher besprechen. Na dann, nur gut, dass der große Fisch dem Fischer hinterher geschwommen ist.

Das Montagmorgenritual

Im mexikanischen Büro wird viel mehr Zeit für das Zwischenmenschliche investiert. Es ist ein guter Anfang, seine Mails mit der Floskel: hola, ¿cómo estás? zu beginnen, aber besser noch: man unternimmt jeden Montagmorgen einen kleinen Spaziergang und klappert alle Büros ab, in denen Kollegen sitzen, mit denen es etwas zu besprechen gibt. Indem dann auch ganz nebenbei über das vergangene Wochenende geredet wird, steigert das Ritual die bekanntlich sehr geringe Montagmorgenmotivation.

Arbeit – ein jahrelanges antivalor

Aber warum ist die Arbeitsmentalität so undynamisch? Oder in den Worten eines Holländers, liiert mit einer mexikanischen Freundin von mir: Ja, sag mal, wollen die denn nichts verdienen? Warum muss ich als Kunde immer drei Mal nachfragen?

Ich erinnere mich an eine Vorlesung während meines Auslandsemesters. Es ging um mexikanische außerpolitische Beziehungen und der Dozent meinte in etwa: während in den vergangenen zwei Jahrhunderten in den USA der American Dream gelebt wurde (arbeite als Immigrant hart und du wirst vom Tellerwäscher zum Millionär), folgte Mexiko einem gegensätzlichen Trend. Arbeiten war schlichtweg kein Privileg. Reichtum erlangte man durch wohlwollende Beziehungen zum spanischen Königshaus, nicht durch schweißtreibende Arbeit.

Interkulturelles Verständnis für Deutsche in Mexiko – Das solltest du wissen: Arbeit wurde Jahrhunderte lang nicht gewertschätzt!

Su vivenvia del trabajo no fue la de un valor humano, sino la de un antivalor. […] La mentalidad del hacendado se resumía en este principio: ‚Yo soy el dueno; yo soy el que sabe; yo tengo el poder. A ustedes les toca obedecerme en todo. Si lo hacen me encargo de ustedes.‘

Das erklärt auch, warum in Mexiko heute noch stark hierarchische Strukturen herrschen, die von den kleinsten Familienbetrieben bis zu den größten Weltkonzernen reichen.

Bestimmt beschreibt das Zitat aus Psicología del mexicano en el trabajo kein allgegenwärtiges Phänomen. Die spanischen Herrenhäuser regieren schon lange nicht mehr, aber ein gesellschaftlicher Wandel vollzieht sich nicht von heute auf morgen – auch nicht von einem Jahrhundert ins nächste. Aber in groben Zügen schwingt dieses hierarchische Verhältnis immer noch nach: Schüler widersprechen den Lehrern nicht; außer sie sind (übersitzt gesagt) Kinder der vergangenen Herrschaft, was heutzutage so viel heißt wie „Ich gehe auf eine Privatschule, meine Eltern zahlen dafür, dass du mir was beibringst“; oder (nicht befreundete) Kollegen einer anderen Abteilung helfen dir erst, wenn sie den Auftrag auch von ihrem Chef bekommen haben.

Es gibt nicht das eine Mexiko

Die Gesellschaft, wie sie im oben genannten Buch beschrieben wird, ist natürlich nicht statisch, sondern sie verändert sich und ist dynamisch. Diese Anekdote ist nur ein kleiner Ausschnitt einer vielfältigen und -schichtigen Gesellschaft, wie sie verschiedener nicht sein könnte. Trotzdem ist es immer wieder interessant die Geschichte eines Volkes mit der Gegenwart zu vergleichen und so zu verstehen, warum Menschen so sind, wie sie sind.

Was interessiert dich, um dein interkulturelles Verständnis von Mexiko zu stärken? Erzähl uns deine Geschichte 🙂

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