La mujer mexicana: Arbeitslos, selbstständig oder ausgewandert (Teil 3)

Frauen in Mexiko. Sie kämpfen für Emanzipation. Einige still und leise, andere mit vollem Karacho. Mit der Serie la mujer mexicana möchte ich zeigen, dass es nicht die eine mujer mexicana gibt, verschiedene Persönlichkeiten vorstellen und darüber schreiben, was sie mir gegeben haben und was ich von ihnen lernen konnte.

Teil 3: Die Selbstständigkeit bedeutet für viele Uni-Absolventinnen der einzige Weg ins Berufsleben. Von zukünftigen, potentiellen Arbeitgebern verschmäht, da – ganz offen gesagt – eine Schwangerschaft und Familiengründung nie auszuschließen ist oder da die Praxiserfahrung deutlich geringer ist, als die der männlichen Bewerber. Äh what?!

Ich sitze in meinem Lieblingscafé in Cholula und mir gegenüber zwei Frauen. Beide Mexikanerinnen, Mitte 20, ein abgeschlossenes Bachelorstudium der Ingenieurswissenschaften. Wir lernten uns während eines Praktikums in der Automobilbranche kennen. Ich bin die einzige von uns drein, die keine technische, sondern eine geisteswissenschaftliche Ausbildung beendet hat und die einzige, die übernommen wurde.

Heute, zwei Jahre später, finden wir endlich mal wieder Zeit, um uns zu treffen, zu quatschen und das Leben zu genießen. Jede von uns hat ihren Alltag, gefüllt mit Arbeit und Aufgaben. Zwei von uns sind Mütter, eine hat ihren langjährigen Partner bei einem Verkehrsunfall verloren. Wir reden darüber, wie viel in zwei Jahren passieren kann, darüber, wie schwer es für meine beiden Freundinnen war, Fuß im Berufsleben zu fassen.

Natalia: „Als im Bewerbungsgespräch die Frage nach meinen Plänen zur Familiengründung kam, antwortete ich ehrlich. Zu ehrlich.“

Natalia wurde schwanger, kurz bevor das Praktikum zu Ende war. Keiner konnte es ahnen und noch viel weniger sehen, aber für sie war Ehrlichkeit immer der richtige Weg. Als sie mit ihrer Chefin über die Übernahmechancen sprach, erzählte sie ihr auch im Vertrauen, dass sie ein Kind erwarten würde. Für Natalia und ihren Freund ein Grund zur Freude. Auch über die Vereinbarkeit von Karriere und Familie machte sie sich keine Sorgen, denn in Mexiko gibt es staatliche Kindertagesstätten für Babys ab sechs Wochen. Auch sie wurde als Baby in eine solche Einrichtung gegeben. Außerdem würde ihr Vater das darauffolgende Jahr in Rente gehen und hätte großes Vergnügen daran, seine älteste Tochter und ihre junge Familie zu unterstützen.

Ihre Chefin aber sah das anders. Händigte Natalia an ihrem letzten Tag ein Praktikumszeugnis aus, wünschte ihr viel Glück als Mutter und Hausfrau und meldete sich nie wieder. Die Stelle, die Natalia versprochen wurde, wurde nur wenige Wochen später besetzt. Mit einem jungen, frisch verheirateten, mexikanischen Uni-Absolventen ohne Erfahrung in der Automobilbranche.

Lucía: „Nach einem Jahr Praktikum wurde mir schließlich eine Stelle angeboten. Schichtarbeit und 4.000 Pesos.“

Das entspricht in etwa 200 Euro. Als ich fragte, ob das der Wochenlohn wäre, lachte sie bitter und antwortete trocken: im Monat. Normalerweise ist Lucía eine leidenschaftliche, lustige Person. Geht am Wochenende Salsa tanzen und träumt von einer Zukunft, vielleicht ein Leben in Spanien. Aber seit des Autounfalls ist sie verschlossen und alleine. Ohne berufliche Perspektiven und Ablenkung schafft sie es nur schwer aus diesem emotionalen Loch heraus. Aber sie hat sich schon bei so vielen Unternehmen beworben. Erfolglos. Die Konditionen sind lachhaft und erbärmlich. Sie erwartet keinen deutschen Lohn, aber selbst in Mexiko kann man mit 4.000 Pesos im Monat nicht leben. Dabei möchte sie ihren Eltern eigentlich nicht mehr zur Last fallen.

Natalia: „In Mexiko musst du die Augen immer offen halten. Oft wartet eine gute Geschäftsidee nur darauf, entdeckt zu werden.“

Nach der Geburt ihres Sohnes bleibt sie zunächst zu Hause. Die Geburt war kompliziert und wurde nach fast 24 Stunden Wehenarbeit doch ein Kaiserschnitt. Auch das Stillen funktionierte nicht auf Anhieb und so dauerte das gewünschte Mutter-Kind-Bonding viel länger als erwartet. Natalia suchte nach Lösungen, um auf andere Art und Weise ihrem Kind Nähe zu spenden und wurde auf die Babytragetaschen aufmerksam.

In Puebla gibt es viele deutsche Familien und momentan erlebt die Babytragetasche einen richtigen Boom. Aber in Mexiko kann man weder babybjörn noch manduca bestellen und schnell witterte Natalía eine Geschäftsidee. Sie baute sich ein Netz auf, eine Schneiderin, ein Internetportal und machte eine Fortbildung zur Trageberaterin. Die Mühe war ihren Aufwand wert und zusammen mit ihrer Cousine produziert und verkauft sie inzwischen landesweit ihre eigene mexikanische Babytrage.

Die Selbstständigkeit ist oft der einzige Weg für Frauen, Geld zu verdienen. Natalia ist ihr eigener Chef, aber auch ihre einzige Mitarbeiterin. Es gibt viel zu erledigen und einen Praktikanten für die Drecksarbeit kann sie sich noch nicht leisten, lacht sie. Aber es macht sie auch stolz, dass sie sich nicht hat einschüchtern lassen. „Ich habe Ingenieurswissenschaften studiert und jetzt verkaufe ich Babyprodukte. Das Leben geht seinen eigenen Weg, man muss sich nur führen lassen und Gelegenheiten ergreifen.“

Lucía: „Ohne Master werde ich immer unterqualifiziert bleiben, während meine männlichen Ex-Kommilitonen gefördert werden.“

Inzwischen hat auch Lucía eine Anstellung in der Automobilbranche gefunden. Die Bezahlung ist nicht ganz so katastrophal und sie wird gefördert. Nächste Woche darf sie auf einen Workshop nach Mexiko-Stadt. Aber um die Stufe der einfachen Sachbearbeiterin zu passieren, braucht sie einen Master. Der kostet in Mexiko und zwar nicht gerade wenig. Sie hat das mal ausgerechnet. Wenn sie sich mit ihrem jetzigen Lohn das Aufbaustudium selbst finanzieren möchte, muss sie acht bis neun Jahre sparen. Aber das auch nur, wenn sie weiterhin bei ihren Eltern wohnen bleibt, ansonsten würden noch ein paar Jahre mehr dazu kommen.

Ein Ausweg ist Spanien. Sie hat auch schon ein Stipendium gefunden, aber bewerben kann sie sich erst nächstes Jahr, denn ihre Universität hat ihr noch immer nicht die Bachelorurkunde zukommen lassen. Obwohl die Abschlussfeier bereits fast ein Jahr her ist.

Außerdem muss Lucía Puebla verlassen. Hier gibt es zu viele Erinnerungen an ihren verstorbenen Freund. Spanien scheint eine gute Lösung zu sein.

Ich sage ihr, dass ich mich freue, denn Spanien ist nicht weit von Deutschland weg. Dann könnten wir unsere Kaffeekränzchen weiterführen.

 

 

Titelbild: pexels | Chevanon Photography

(Anmerkung: natürlich sind alle Namen meiner mujer mexicana geändert.)

 

3 Comments

  1. Vielen Dank für die beiden Porträts! Man sollte allerdings hinzufügen, dass es den männlichen Ingenieurskollegen auch nicht besser geht als Lucía. Der mexikanische Arbeitsmarkt zeichnet sich nunmal durch extreme Ausbeutung aus — warum wohl kommen so viele deutsche Unternehmen hierher?

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  2. Das stimmt natürlich, auch vielen männlichen Uni-Absolventen geht es nicht anders – eine gute Idee für die Serie „el hombre mexicano“ jejeje 😉 Das Problem für weibliche Arbeitssuchende ist, dass zu den Bedingungen des Arbeitsmarktes auch noch der klassische „machismo“ hinzukommt. Natürlich nicht durchgängig – aber immer wieder stoße ich auf die Meinung, dass Frauen einfach zu den Kindern und in die Küche gehören.

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