Der cultural switch (das WG-Leben in meinem Kopf)

In einem fremden Land zu leben birgt emotionale Herausforderungen. Anpassung wird gefordert, aber der Drang, seine eigene Kultur nicht zu hintergehen, ist oft stärker: Meine persönliche Überlebensstrategie.

Es ist als hätte ich einen Schalter im Kopf umgestellt. Einen cultural switch. Die Welt, wie ich sie vorher kannte, gibt es nicht mehr. Erlernte kulturelle und lebensbegleitende Traditionen gelten nicht mehr und habits verschwimmen. In anderen Worten: blau ist nicht mehr blau, sondern türkis. Gelb ist weniger grell und mehr ocker.

Mit jeder verstreichenden Wochen in Mexiko macht es sich ein zweites Ich in mir gemütlich: die Mexikanerin. In meinem Körper ist sie willkommen, ihr wird freundlich Platz gemacht und so leben die Deutsche und die Mexikanerin in friedlicher Harmonie miteinander. Keine Symbiose, sondern eigen- und selbstständige Geschöpfe.

Bereit für Neues

Für mich heißt das Leben im Ausland eine Umstellung von innen heraus. Neue Eindrücke sind der Input, aber ohne die Bereitschaft diesen Aufzunehmen und zu Verarbeiten, prallt er an uns ab, wie der Regen an der Fensterscheibe. Wie bei einem Kleinkind wird die Welt neu erlernt,… eingesogen. Verarbeiten bedeutet, dem Neuen die Tür zu öffnen, Platz zu machen; neue Habits zu entdecken und das alte Wissen ausschalten. Das ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Leben im Ausland.

Keine Angst vor Anpassung

Dabei meine ich nicht, wie es so oft fälschlicherweise verstanden wird, seine alten Gewohnheiten auszuradieren und sie mit neuen zu überschreiben. Anpassung, und später auch Integration, ist eine Erweiterung der individuellen Identität.

Hinsichtlich der Religion ist Deutschland zum Beispiel grundsätzlich ein von christlichen Werten geprägtes Land. Von nicht-christlichen Fremden wird ein hinter-sich-Lassen von allen muslimischen, buddhistischen oder atheistischen Gedankengütern erwartet. Der kulturelle Hybrid, wie ich diese Gruppe von Menschen im fortlaufenden Text nennen werde (angelehnt an den in der Sprach- und Literaturwissenschaft verwendete Begriff der Hybridität), ist nun vor die Wahl gestellt. Bis zu welchem Grad passe ich mich an? Welche Werte meiner Heimatkultur kann ich auch hier leben? Welche muss ich eventuell still und leise ausüben oder gar ganz aufgeben?

Die politischen und gesellschaftlichen Begebenheiten in Deutschland erlauben mal mehr mal weniger eine friedliche Co-Existenz beider Kulturen, der kulturelle Hybrid muss dieses Doppelleben eben nur mit sich vereinbaren können. Er kann zum einen an seinen Traditionen festhalten; und muss im Gegenzug zum Beispiel das neue weibliche gleichgestellte Rollenbild akzeptieren.

Dieser kulturelle Hybrid, das bin ich

Klug daher geredet habe ich nun… Wie es sein kann, im fremden Land Fuß zu fassen, ohne sich darin zu verlieren. Denn wenn plötzlich ich selbst dieser kulturelle Hybrid bin, dann muss ich mich auch an diese Worte halten, oder?

Expatriate. Ich mag diesen Begriff nicht. In Mexiko bin ich kein Expat. Ich bin Ausländer, Gast. Ich biete im Austausch zur Arbeitserlaubnis meine Arbeitskraft. Warum sollte ich mich also nicht einfach Ausländer nennen? Schließlich musste auch ich mich anpassen, ohne meine eigene Identität zu verlieren. Musste zwei Kulturen in einem Körper vereinen.

Vom harmonischen bis zum zum-Haare-raufen WG-Leben in meinem Kopf

Meine Integration ist kein Musterbeispiel, dafür sind meine deutschen Werte zu fest verankert. Zwei Beispiele.

  1. Erstens, die Religion: Nun stellte die Religion auf den ersten Blick für mich keine große Eingewöhnungsproblematik dar. Christen, mal mehr katholisch, mal weniger, mal evangelisch, mal freikirchlich. Mit der Schwangerschaft dann die Frage: heiraten oder nicht? Wir wollten nicht, obwohl die mexikanische Costumbre es wohlgeheißen, gar bevorzugt, hätte. 1 zu 0 für mein deutsches Ich. Integration und Anpassung fehlgeschlagen. Wie das wohl bei einem jungen ausländischen Paar in Deutschland aussehen würde, wenn ihre Familien zu einer Heirat drängen? Würden wir das akzeptieren oder große Kulturdebatten starten
  2. Zweitens, Gesprächsgewohnheiten: Schon als kleine Kinder lernen wir, andere beim reden nicht zu unterbrechen und nicht dazwischen zu reden, wenn Erwachsene sich unterhalten. In Mexiko ist unterbrechen ein Zeichen von Interesse. Und sowieso, ohne unterbrechen kommst du nicht zu Wort. Da ich in den letzten Monaten eine Meisterin im andere Unterbrechen geworden bin, was mir zumeist nur negativ in Gesprächen mit anderen Deutschen auffällt, geht dieser Punkt an die Mexikanerin in mir.

Aber Spaß beiseite. Ein kultureller Hybrid hat einen Schalter, den er bedient. Es gibt Momente, Tage, an denen ich voll und ganz die Deutsche in mir sein kann. Die Mexikanerin macht ihre Siesta. Und dann plötzlich, kommt eine Situation, mit der ich überfordert bin. Wie ich damit umgehen soll, kann ich nicht aus meinem 25-jährigen Repertoire ziehen. Dann kommt die Mexikanerin zum Einsatz und legt den Schalter um. Sie schafft neues Wissen, das parallel zum alten Wissen weiter existiert. Und je nach Situation kann ich auf zwei Handlungsweisen zurückgreifen.

Der cultural switch erlaubt eine Koexistenz von Idealen, Wertvorstellungen und Gewohnheiten in nur einer Person. Wenn das klappt und die gesellschaftlichen circumstances es erlauben, kann durch situationsbedingtes Umlegen ein harmonisches WG-Leben im Ausland geführt werden.
 

 

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