Irgendwas zwischen #regrettingmotherhood und stay-at-home-mommy

Stay-at-home-mom, #regrettingmotherhood und viele wilde Gedanken mehr. Mein Resüme nach neun Monaten „Mutter sein“.

#Regrettingmotherhood ist seit der Studie der israelischen Soziologin Orna Donath in aller Munde. Dabei geht es aber nicht, wie man vorschnell urteilen könnte, um mangelnde Liebe einer Mutter für ihr Kind, sondern um gesellschaftliche Umstände, die das Mutter-sein erschweren, indem sie es in einen starren Rahmen klarer Vorstellungen binden: So musst du als Mutter sein und nicht anders. Da ist es eben nicht immer leicht eine Mutter zu sein, oder in den Worten der Autorin Sarah Fischer: „Warum ich lieber Vater geworden wäre.“

Mutter wird man nicht zwangsläufig mit Geburt eines Kindes. Es gibt Frauen, die sind schon lange davor Mütter, es gibt Männer die zu Müttern werden, es gibt Eltern, die es nie schaffen, Mütter zu werden und es gibt Menschen die Zeit brauchen, um in die Mutterrolle reinzuwachsen.

Wie alles begann: die Schwangerschaft

Die Umstände meiner Schwangerschaft waren nicht immer leicht. Ohne Familie im Ausland, nur der Partner, der genauso wenig Erfahrung hatte wie ich, schwierige Arbeitskolleg_innen, verständnislos dafür, dass die Übelkeit es an manchen Tagen so weit getrieben hat, dass es nicht möglich war das Schlafzimmer zu verlassen. Durch all die negativen Einflüsse während der Schwangerschaft hatte ich Ängste. Dass ich meinem Kind nicht das werde geben können, was es verdient hat.

Dank eines positiven Geburtserlebnisses und dank vielseitiger Unterstützung stellten sich meine Sorgen als unbegründet heraus. Aber nicht von jetzt auf gleich. Auch ich musste in die Rolle der Mutter hineinwachsen.

Resümee: neun Monate Elternzeit

Bevor ich Mutter wurde, empfand ich mich selbst als spontan, unabhängig und wenn es drauf ankam auch mal egoistisch. Ich habe eben einfach mein Ding gemacht. Jetzt ist das Haubi dabei. Das ist schön, hier in Mexiko, wo es kein Problem ist, wenn das Kind immer und überall im Schlepptau ist.

Habe ich meine Spontaneität und Unabhängigkeit eingebüßt?

Richtig spontan bin ich nur noch bedingt, der Tag ist strukturierter. Die Zeit, in der das Kind schläft oder anderweitig betreut wird, ist klar eingeteilt: lernen, schreiben, kochen, Sport, schlafen. Wenn dann die Frage kommt, ob ich in einer halben Stunde zum Kaffee vorbei kommen möchte, muss ich zwei mal überlegen: „Das würde heißen, den Mittagsschlaf kann ich nicht nutzen, um die Masterbewerbung fertig zu machen. Aber wann dann? Was hat Priorität?“ Die Abende zu verplanen, damit habe ich aufgehört, denn das kleine Haubi hat klare Vorstellungen, von wem es ins Bett gebracht werden möchte, mal Mama, mal Papa. Außerdem bin ich abends oft einfach k.o.

Früher, da war ich abends hochmotiviert und produktiv. Da hat mich aber auch noch niemand morgens um halb acht an den Haaren gezogen und gemeckert, das jetzt Zeit zum spielen ist.

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Zu zweit ist man weniger allein. Foto: unsplash | London Scout

Unabhängigkeit. Die wilden Studentenjahre sind vorbei. Die Zeit in der ich nur für mich selbst verantwortlich war: vorbei. Ich glaube ja, dass man, sobald man Teil einer Familie ist, nicht mehr so wirklich unabhängig sein kann. Vielleicht mal ein Wochenende mit alten (kinderlosen) Freunden um die Häuser ziehen, während Kind und Papa im Tierpark sind und abends Spaghetti essen, oder ein Junggesellenabschied in Prag, während Mama und Kind ins Schwimmbad fahren. Geplante, gut organisierte, nicht spontane Ausnahmen.

Mexiko vs. Alemania

Kritiker (wohlgemerkt nicht Kritiker_innen) tun #regrettingmotherhood als ein „Jammern auf hohem Niveau“ ab, ein Trend, eine Phase. Mütter sollen sich nicht so anstellen, ihnen geht es in Deutschland weitaus besser als anderen Frauen. Nicht ausreichend Kita-Plätze, Entzug von Verantwortung am Arbeitsplatz, Reduzierung der Wochenstunden,… das ist alles lediglich dem Lamentieren einer (weiblichen) Luxusgesellschaft zuzuschreiben und zu belächeln?

Fernab von zuhause habe ich diese Debatte nur online verfolgt. Ich war nicht dabei und nicht Teil davon. Und generell hat es mich (noch nicht) hart getroffen. Wir haben in der begehrtesten und teuersten Großstadt Deutschlands Wohnraum, Betreuungsplatz, Studienplatz, Arbeitsplatz und viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung ergattert. Beklagen kann ich mich nicht.

In Mexiko ist Mutter-sein eigentlich ganz schön (wenn das nötige Kleingeld vorhanden ist). Haubi ist überall dabei, im Sprachkurs, im Pilates, beim Abendessen im schnieken Restaurant – und das Ganze ohne schiefe Blicke. Wenn die Mutter dann doch mal einen Vormittag für sich braucht, dann kommt das Kindermädchen. Ich kenne sonst niemanden, der stundenlang rumblödeln kann, in einem Moment Flugzeug spielt und im anderen ein wieherndes Pferd. Haubi liebt das. Warum also nicht ein bisschen Hilfe annehmen?

Einfach keine stay-at-home-mom

Eigentlich wusste ich es schon lange vor der Schwangerschaft. Ich wusste es auch schon während der Schwangerschaft, als ich hin und her schwankte zwischen „Nach sechs Wochen Mutterschutz wieder arbeiten gehen“ oder „kündigen und ein Jahr zuhause bleiben“. Die Option ein Jahr Job pausieren und in Elternzeit gehen, gibt es in Mexiko nicht. Und jetzt, nach neun Monaten, fühle ich mich bestätigt: ich bin keine stay-at-home-mom. Die Zeit ist vollbepackt: Reisen, Besuche, Online-Fortbildung, Deutschunterricht, Sprachkurse und nicht zu vergessen die Krabbelgruppentreffen. Immer ist das Haubi dabei und das ist schön. Nur so wirklich konzentrieren, zu hundert Prozent bei der Sache sein, das geht nicht – an manchen Tagen wäre ich froh, wenn es fünfzig Prozent wären.

Die Sehnsucht nach mentaler Herausforderung und Anerkennung

Und dann sieht es dich an, mit den großen Kulleraugen, voller bedingungsloser Liebe und Vertrauen. Als würde es etwas geben, das dich glücklicher machen könnte…

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Keine Stay-at-home-mommy. Foto: pexels | Startup Stock Photos

Himmel JA! Da wäre mentale und geistige Herausforderung, eine Beschäftigung, für die es gesellschaftliche Anerkennung regnet – denn ja, arbeiten tut der Seele gut! Nicht umsonst habe ich mich durch dreizehn Jahre Schule mit nervtötenden Fächern wie Französisch und Sport gequält, während der Pubertät versucht nicht abzurutschen. Nicht umsonst habe ich vier Jahre dem Leistungsdruck der Uni standgehalten – und kann es kaum erwarten, bald wieder in der Bib zu sitzen und Bücher zu wälzen.

Drei Dinge, die ich an dieser Stelle dringend klarstellen möchte:

  1. Mutter sollte im ersten Jahr zuhause bleiben, es gibt ja nichts schlimmeres, als das erste Krabbeln, das erste alleine aufstehen und die ersten Wörter zu verpassen. Mythos! Ich weiß ja nicht, wie das bei anderen Babys ist, aber bei uns war es nicht so, dass Haubi von einen Tag auf den anderen gekrabbelt oder aufgestanden ist. Das war mehr so ein schleichender Prozess. Da gab es viele sogenannte „erste Male“.
  2. Dass das Stillen gut ist für Mutter, Kind, fürs Bonding, für die Gesundheit, fürs Abnehmen etc. das wissen wir. Und ich bin auch voll dafür. Aber mal ehrlich: Nach neun Monaten wünsche ich mir nichts sehnlicher als meine Brust zurück. Wie die Möwen bei Findet Nemo sagen würden: Meins! Meins! MEINS! Abstillen klingt in der Theorie echt super und scheint auch bei anderen zu klappen. Nur mein Baby scheint ein echtes Brust-addict zu sein.
  3. Und jetzt kommt das Gefühl, bei demich mir nichts mehr wünsche, als ein Vater geworden zu sein. Der Moment nach einem produktiven Arbeitstag nach Hause zu kommen, mit der Familie Abendbrot zu essen, mich ganz und voller Freude meinem Kind zu widmen. Das ist eine harte Erkenntnis. Wenn ich als Mutter den ganzen Tag mit meinem Kind zusammen bin, dann läuft es eher mit; es zieht sich an mir hoch und will spielen, während ich daran denke, was noch zu erledigen ist. Würde ich nach nur vier, sechs oder auch acht Stunden Heim kommen, alle meine Aufgaben erledigt wissen, dann wäre es leichter, mich ohne to-do-list im Hinterkopf meinem Kind zu widmen.

Dabei muss es keine 48-Stunden-Woche sein wie bei meinem Job vor Geburt, es muss auch nicht im Ausland sein. Denn auch Haubis Papa hat es nicht leicht und wenn ich schreibe, dass ich gerne Vater geworden wäre, dann heißt das nicht unbedingt, dass ich an seiner Stelle sein möchte. Im fremden Land zu arbeiten, bringt kulturelle Herausforderungen mit sich, die nicht zwangsläufig leichter sind als Vollzeit-Mami.

 

Quelle Titelbild: unsplash | Catt Liu

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