La mujer mexicana: der Kampf der einfachen Frau (Teil 2)

Frauen in Mexiko. Sie kämpfen für Emanzipation. Einige still und leise, andere mit vollem Karacho. Mit der Serie la mujer mexicana möchte ich zeigen, dass es nicht die eine Mexikanerin gibt, verschiedene Persönlichkeiten vorstellen und darüber schreiben, was sie mir gegeben haben und was ich von ihnen lernen konnte.

Teil 2: „Eine einfache Frau“ nennt sie sich, zählt sich zur unteren Schicht der Gesellschaft. Sie studierte keine Gender Studies, nahm nicht an Demos für selbstbestimmte Abtreibungen oder für mehr Sicherheit für Frauen in der Öffentlichkeit oder im „Schutz der Familie“ teil. All das interessierte sie nie, denn sie kämpfte ihren eigenen Kampf, für ein besseres Leben. Für die Zukunft ihrer Tochter.

Ein literarischer Beitrag beruhend auf einer wahren Geschichte.

Im Garten spielt Maya mit ihren Bauklötzen auf einer Steppdecke. Sieht aus wie eine dieser bunten traditionellen Decken aus dem Bergdorf im Norden. Citlalli erinnert sich nicht mehr wie dieses Dorf heißt. Das Gedächtnis lässt immer mehr nach. Vielleicht sollte sie das mal untersuchen lassen, aber wahrscheinlich ist es einfach nur das Alter. Die meisten deutschen Familien für die sie schon gearbeitet hat, hatten das Haus voll solcher selbstgenähten Stoffe. Kissenbezüge, Teppiche, Kleidchen, Handtaschen. Alles wahnsinnig schwer zu waschen. Nun steht sie an der Spüle und kratzt angebrannten überbackenen Käse von den Tellern. Handbemalte Unikate. Ihr wurde gesagt, sie soll bitte sehr behutsam mit dem Geschirr umgehen. Draußen ist Maya, die Tochter des Hauses, von der Steppdecke gekrabbelt und sitzt im Gras. Erde klebt unter den Fingernägeln und es sieht so aus als hätte sie einen Grashalm im Mundwinkel kleben.

Verantwortung zu tragen wurde Citlalli quasi schon in die Wiege gelegt. Sie ist die Älteste von zwölf Geschwistern. Sie kann sich nicht erinnern Puppen die Haare geschmückt zu haben. Von Beginn an waren es ihre Schwestern und Brüder, um die sie sich gekümmert hat. Nur das Stillen, das hat ihre Mutter übernommen. Mit zwei Jahren ist sie – bei Geburt der zweiältesten Schwester – zum ersten Mal in die Mutterrolle geschlüpft. Heute ist Citlalli zweiundsechzig. Verrückt. Seit sie sich erinnern kann, ist sie eine Mutter.

Mit neunundzwanzig Jahren verliebte sie sich. Mit dreißig wurde sie schwanger. Sie heirateten sofort. Ihr jüngster Bruder wurde gerade dreizehn Jahre alt. Oder war es vierzehn? Die Vergangenheit verschwimmt immer mehr. Jedenfalls war er alt genug, um arbeiten zu gehen. Trotzdem, dass Citlalli heiraten würde, damit hatte sie nicht mehr gerechnet.

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Häusliche Gewalt

Ihre Ehe war von kurzer Dauer. Und trotzdem hat sie es zu lange ausgehalten. Noch bevor ihr Kind auf die Welt kam, wusste Citlalli, dass sie nicht die einzige Frau im Leben ihres Mannes war. Sie war verletzt, obwohl sie es hätte wissen müssen. Zumindest hatte sie das Privileg seine rechtmäßige Partnerin zu sein. Sie würde keinen Bastard auf die Welt bringen. Sie erinnert sich nicht gerne an diese Zeit. Aber unausweichlich, jedes Mal, wenn sie in den Spiegel sieht wird sie daran erinnert. Bei ihr zu Hause hängen keine Spiegel. Aber im Haus der Deutschen gibt es fünf Bäder und da hängen sie, warten darauf, Citlalli an ihre Vergangenheit zu erinnern. Die Jahre ihrer Ehe waren geprägt von Gewalt. Das Gefühl am physischen und psychischen Limit zu stehen kennt sie von damals und egal wie viel sie nach seines Verschwindens arbeiten musste, um sich selbst und vor allem ihre Tochter zu ernähren, nichts war vergleichbar mit dem Leiden dieser Jahre.

Mayas Mutter kommt vom Sport zurück. Ein Glück, dass das kleine Mädchen heute in Ruhe gespielt hat. Als sie ihre Mutter entdeckt fängt sie an zu weinen. Sie weiß, dass sie das bei ihrer Mutter machen kann. Sofort nimmt sie die Kleine auf den Arm und gemeinsam verschwinden sie im Schlafzimmer. Mayas Mutter freut sich, wenn sie das Kind für kurze Zeit zu Hause lassen kann. Bei Citlalli war das anders. Sie ging arbeiten. Oft montags bis sonntags. Ihre Tochter wurde schnell selbstständig. Eine innige Mutter-Tochter-Beziehung pflegten sie nie. Beide mussten Opfer bringen, mütterliche Liebe schenkte Citlalli in ihrem Leben vielen Kindern, ihren Geschwistern und Fremden. Noch heute hängen im Wohnzimmer Fotos von den vielen blonden deutschen Kindern. Nur ihrer eigenen Tochter gegenüber blieb sie verschlossen. Arbeitete hart. Um ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen.

Eines Tages war ihr Mann einfach verschwunden. Dass er nächtelang nicht nach Hause kam, war nichts neues. Aber als aus den Tagen Wochen wurden, keimte in Citlalli Hoffnung auf. Sie wusste, dass sie ein Leben ohne ihn schaffen würde. Viele Frauen traf das selbe Schicksal, alleine mit Kindern und verlassen vom eigenen Mann. Aber im Gegensatz zu ihnen war Citlalli froh. Sie begann, ihr verdientes Geld zu sammeln. Mehrere Jahre dauerte es, aber sie hatte Zeit. Als ihre Tochter soweit war, nach der Grundschule arbeiten zu gehen, so wie die meisten ihrer Mitschülerinnen, befand sich genug Geld zwischen den Holzbrettern im Küchenboden und anstatt sich eine Anstellung zu suchen, durfte das Mädchen die weiterführende Schule besuchen. Mit siebzehn hatte sie einen Schulabschluss in der Tasche. Sie nahm einen Nachtbus und fuhr nach Cancun. Dort wartet gut bezahlte Arbeit, hieß es. Voraussetzung sind sehr gute Englischkenntnisse und ein Schulabschluss.

Das letzte Mal gesehen hat Citlalli ihre Tochter vor zwei Jahren. Der Weg nach Cancun ist teuer und weit. Zu weit für eine alte Frau wie sie. Ihre beiden Enkelsöhne gehen mittlerweile selbst in die Schule. Und wenn Citlalli die beiden anruft, erzählen sie ihrer Großmutter jedes Mal, welche neuen Deutschvokabeln sie gelernt haben – damit Citlalli mit ihren Arbeitgebern reden kann. Eine Freudenträne läuft die Wange herunter und landet in der Spüle. Vermischt sich mit dem Spülwasser und ist fort.

Wenn sie heute fertig ist mit der Arbeit, wird sie ihre Mutter besuchen fahren. Gott segne sie.

 

Quelle Bildmaterial: unsplash | Cristian Newman; pexels | pixabay

 

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