Schwanger in Mexiko? 10 Dinge, die du wissen solltest

Der Zika-Virus ist ein altbekanntes Thema, allgemein schlechtere Hygienestandards auch. Da kann ein Urlaub auch schon mal verschoben werden. Aber was, wenn du in Mexiko lebst, arbeitest, dich verliebt hast und ein Kind bekommst? Hier findest du zehn Dinge, die in Mexiko während der Schwangerschaft definitiv anders sind als in Deutschland.

Als ich schwanger in Mexiko wurde, lebte ich bereits seit über einem halben Jahr in diesem Land. Zum zweiten Mal in meinem Leben. Ich dachte, die Mexikaner und ihre Kultur durchschaut zu haben. Aber Pustekuchen. Weil mir damals niemand so wirklich erklären konnte, wie das hier alles so ist und vor allem was die Unterschiede zu Deutschland sind, habe ich hier meine top-ten aufgeschrieben.

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Top 1: Nichts, was du von schwangeren Freundinnen, Kolleginnen oder Verwandten gehört hast, nützt dir etwas.

Solltest du mehr schwangere Bekannte, Freunde, Freundinnen, Cousinen und Cousins mit Kind(ern) haben als ich: herzlichen Glückwunsch! Sie stehen dir bestimmt bei jeder Unsicherheit mit Rat und Tat zur Verfügung. Sollten sie aber nicht auch zufällig in Mexiko schwanger gewesen sein, dann genieße die Tipps mit Vorsicht. Denn eins ist sicher: hier ist alles anders, vor allen die Dinge, von denen du nicht mal wusstest, dass sie auch anders gehen. Mehr dazu Top 2 bis 9.

Top 2: Das selbe gilt für das, was du in deutschsprachigen Mommy-Foren lesen kannst.

Was darf ich noch essen? Was nicht? Welchen Sport darf ich noch treiben? Welchen nicht? Es ist überraschend, wie viele Fragen während neun Monaten aufkommen können. So viel Unsicherheit, obwohl wir erwachsene Frauen sind, von zu Hause ausgezogen und unabhängig. Und trotzdem, wenn ich verunsichert bin, google ich zuerst. Vor allem, da ich noch nicht viele (bis gar keine) Freunde mit Kind habe und die eigene Mutter nicht immer sofort ans Telefon bekomme. Google ist immer für mich da und weiß alles.

Der Hacken an der Sache ist aber, dass ich in Mexiko sitze, mit mexikanischer Gesetzeslage im mexikanischen Alltag. Dann kann es schnell demotivierend werden, Antworten auf Fragen rund um die Schwangerschaft in deutschsprachigen Mommy-Foren zu suchen. Ein Beispiel. Ich suche: „Rechte in der Schwangerschaft.“ Die Antwort:

  • Von der Krankenkasse übernommene Vorsorgeuntersuchungen
  • Beschäftigungsverbot bei vorzeitigen Wehen oder sonstigen Beschwerden
  • Möglichkeit auf Homeoffice, flexible Arbeitszeiten

Und ich weiß, dass ich das alles hier nicht haben kann. Da heißt es Zähne zusammenbeißen und durch.

Top 3: Suche dir früh genug Hilfe bei der Personalabteilung deines Arbeitgebers.

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Clearblue-Bestätitung reicht auch dem Gynäkologen (Top 9)

Wenn es jemanden gibt, der Bescheid weiß, dann sollte das normalerweise die Personalabteilung in deinem Unternehmen sein. Wenn du Pech hast, bist du natürlich die erste Ausländerin, die in Mexiko schwanger wird und keiner weiß so wirklich was mit dir anzufangen. Aber wann passiert das schon?

 

Unklarheiten, die du mit deiner Personalabteilung besprechen kannst:

  • Wie handhabt das Unternehmen den Mutterschutz?
  • Welche Kündigungsfrist hast du? (laut Gesetz 1-3 Werktage)
  • Welche (Vorsorge-)Leistungen übernimmt der Arbeitgeber?
  • Gibt es einen Werksarzt?

Wenn du dich entscheidest, nach der Geburt wieder in den Job einzusteigen:

  • Hat dein Arbeitgeber ein Elternzeit-Modell (gesetzlich nicht vorgeschrieben)
  • Gibt es Stillräume?
  • Gibt es eine Kindertagesstätte oder eine andere Form der Kinderbetreuung?

Top 4: Hinterfrage alles, was dir Spanisch vorkommt.

Wie schon in Top 1 erwähnt, es ist wirklich alles anders. Das war dann auch der Grund, der mich ab einem gewissen Moment immer mehr verunsichert hat. Kann ich meinem Wissen noch vertrauen oder muss ich alles was ich vorher zu wissen gemeint habe über Bord werfen und meine alten Vorstellungen überspielen?

Was bei mir das Fass zum überlaufen brachte? Ich sitze im privaten Krankenhaus und lese die Info-Broschüre zur Entbindung. Da gesellt sich ein nettes Krankenhauspersonal zu mir und plappert auf mich ein, wie schön und individuell ich mir hier meine Geburt gestalten könnte. Klingt nach einer Party, die ich nach meinen Vorstellungen schmeiße. Im Prinzip wiederholt sie nur, was ich auch gelesen habe, aber plötzlich werde ich hellhörig. Es sei doch ganz wichtig, das Kinderbettchen und die Kinder-Leistungen gleich bei Beginn mitzubuchen. Nicht, dass die Kinderschwestern, Neugeborenenkleidung, Windeln und Co. knapp werden und ich sie nicht vorher reserviert habe. Dann müsste mein Kind im schlimmsten Fall mit dem Vater gleich nach Entbindung nach Hause während ich auf der Wochenbett-Station liege.

Das musste ich erst verdauen. Und das sind diese Dinge, die ich nie hinterfragt habe, von denen ich dachte, ich wüsste, wie der Hase läuft. Woher soll ich auch wissen, dass nicht automatisch davon ausgegangen wird, dass das Neugeborene so lange auf der Wochenbettstation liegt wie die Mutter?

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Schwanger in Mexiko: Die Kaiserschnittrate in Privatkliniken liegt bei über 85% https://hospitalesangeles.com

Top 5: Einen Mutterpass gibt es in Mexiko nicht.

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Wenn du schwanger in Mexiko bist, bekommst du eine Cartilla nacional de Salud (Top 5), keinen Mutterpass.

Sobald dir der Arzt in Deutschland die Schwangerschaft bestätigt, bekommst du ihn, den Mutterpass. Als ich meinen Mutterpass in der 36. Woche bei Ankunft in der Heimat ausgehändigt bekommen habe, freute ich mich wie ein Honigkuchenpferd. Sehr deutsch von mir, dieses Verlangen nach einem „To-Do-Heft“ in dem steht, was als nächstes für Untersuchengen anstehen und die Ultraschallbilder eingeheftet werden.

 

In Mexiko war das so: abends um 19 Uhr nach der Arbeit saß ich in der Arztpraxis, in der Hoffnung, dass mich kein Kollege gesehen hat. Der Arzt, gefühlt über 90 Jahre alt, kommt ins Patientenzimmer und fragt, was ich denn für Sorgen hätte. Ja, wie sagt fra denn zum Ersten Mal im Leben, dass sie schwanger ist? Ich hätte platzen können vor wilden Gefühlen. „Naja, es ist nicht direkt eine Sorge. Ich denke ich bin schwanger.“ Die Antwort: „Na, wenn die letzte Regel mehr als 30 Tage her war, und der Clear Blue das gesagt hat, dann wird das wohl stimmen. Kommen sie in einem Monat wieder.“ Meine Enttäuschung aufgrund mangelnder, beziehungsweise nicht existierender Empathie, muss ich wohl kaum niederschreiben. Über eine Bestätigung seinerseits hätte ich mich mehr gefreut.

Also, Mutterpass gibt es nicht, aber im staatlichen Krankenhaus bekam ich dann zumindest ein ärztliches Untersuchungsheft.

Top 6a: Der Mutterschutz ist flexibel, endet aber spätestens drei Monate nach Entbindung.

Der Mutterschutz beginnt 43 Tage vor errechnetem Geburtstermin und 43 nach Entbindung. Mache Firmen bieten den Schwangeren an, dass sie gerne bis zum letzten Tag in die Arbeit kommen und so volle 86 Tage nach Entbindung zu Hause bleiben. Das ist mit flexibel gemeint. Nicht mehr und nicht weniger. Sprich, du hast 86 Tage und kannst sie dir rund um den Geburtstermin legen wie du willst. In diesem Zeitraum bekommst du vom IMSS (Instituto Mexicano del Seguro Social) deinen kompletten Brutto-Lohn von drei Monaten in Form eines Schecks zu Beginn des Mutterschutzes ausgezahlt. Weitere Infos hier.

Nice to know:

  • Das IMSS zahlt nur, wenn du vor Beginn des Mutterschutzes mindestens 40 Wochen via Steuern eingezahlt hast, sprich, wenn du mindestens 40 Wochen davor eine Festanstellung hattest. Sollte das nicht der Fall sein (so bei mir), dann zahlt der Arbeitgeber den Mutterschutz. Die Schwangerschaft muss aber trotzdem von einem IMSS-Arzt bestätigt sein.
  • Riesen-Tipp: Wenn du im IMSS nach deiner letzten Regel gefragt wirst, antworte, was dir am besten in die Tüte passt, egal ob zwei Wochen früher oder drei Wochen später. Getestet wird das Alter des Kindes nämlich nur mit einem Messband und die Herztöne werden mit einem Weinglas abgehört. Kein Ultraschall. Nichts. Hätte ich das mal vorher gewusst…

Top 6b: Kündigungsschutz hast du übrigens auch.

Sobald du als Arbeitnehmerin schwanger bist, darf dich dein Arbeitgeber nicht mehr kündigen, bis der Mutterschutz vorbei ist.

Top 7: Geburtsvorbereitungskurse vom IMSS sind Pflicht im staatlichen Gesundheitssystem.

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Hast du einmal dein dir zugeteiltes IMSS-Krankenhaus betreten (es gibt nämlich je nach Adresse ein dir zugeordnetes Krankenhaus und dort bekommst du einen Arzt zugewiesen – Kreissaalbesichtigung ist hier nicht), bekommst du eine Reihe von Vorsorgeterminen. Darunter: richtige Ernährung in der Schwangerschaft, Sporttips in der Schwangerschaft, Verhütungsmethoden für danach und fast wöchentliche Kontrolltermine.

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In der IMSS-Apotheke bekommt fra alles andere als sterile Reagenzgläser für Urinproben (Top 7)

Eigentlich ist das ja super. In einem Land, in dem häusliche Gewalt, Frauenmorde, mangelnde sexuelle Aufklärung und Kinderschwangerschaften an der Tagesordnung stehen, braucht es genau solche aufklärende Instanzen. Für mich waren das eher nervtötende, zeitraubende Maßnahmen. Vor allem, wenn die wenig verständnisvollen Kollegen sich wieder einmal wundern, warum ich schon wieder nicht in die Arbeit kommen kann, ist doch nur eine Schwangerschaft…

Top 8: Hebammen in Mexiko bieten gute Vorbereitungskurse an, haben aber im Krankenhaus nichts zu sagen.

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Im Emanzipations-Kurs

Der Trend unter der deutschen Community ist ein Geburtsvorbereitungskurs bei einer mexikanischen Omi (um ihr nicht Unrecht zu tun: mit Diplom in Psychologie). In 12 Sitzungen á zwei Stunden erfuhren wir alles, was wichtig und unwichtig war. Aber hauptsächlich war das ein Emanzipierungs-Kurs nach dem Motto: „Du bist die Gebärende, lass dir nichts von deinem Ehemann einreden, lass dir vom Arzt keinen Kaiserschnitt aufquatschen, und lass dir auf keinen Fall das Baby im Krankenhaus wegnehmen.“ Es folgten viele Horrorgeschichten. Die mir erhofften Gymnastikübungen blieben aus.

Von einer befreundeten Mama hatte ich dann erfahren, dass die Pro-natürliche-Geburt-Hebammen aus den Emanzipierungskursen dann im Kreissaal mucksmäuschenstill wurden. Hier hat nämlich doch der Arzt das sagen.

Top 9: Der Gynäkologe betreut dich vom Schwangerschaftstest bis zur Geburt und darüber hinaus.

Egal ob im privaten oder im staatlichen Krankenhaus: den Arzt, den du dir ausgesucht hast, beziehungsweise der dir zugewiesen wurde, betreut dich bis zum Ende, macht alle Vorsorgeuntersuchungen, wird zur Geburt gerufen und kontrolliert dich und deinen Körper auch danach. An sich ist das eine schöne Vorstellung, denn in Deutschland wusste ich vorher nicht, welcher Arzt gerade im Kreissaal Dienst hatte. Es hätte auch sein können, dass ein Dienstwechsel mitten drin stattgefunden hätte. Aber dafür gibt es ja den Mutterpass, in den mein behandelnder Gynäkologe des Vertrauens alle Anomalitäten und stinklangweiligen Fakten notiert hat.

Top 10: Kenne dich aus, weiß Bescheid über deine Rechte und über Entbindungspraktiken.

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Ansonsten ist Schwangerschaft in Mexiko ganz cool

Kaiserschnitt wird in Mexiko vor allem von den privaten Kliniken, aber auch immer mehr von den staatlichen Krankenhäusern bevorzugt: mehr Resultate in weniger Zeit. Bespreche unbedingt vorher mit deinem Arzt, was du möchtest, was nicht und was nur im äußersten Notfall.

Meine Schwangerschaft in Mexiko

Im Endeffekt habe ich nicht in Mexiko entbunden, sondern in der Heimat. In neun Monaten Schwangerschaft habe ich all diese Informationen teils mühselig recherchiert, teils zu spät erfahren. Deswegen war da diese Unsicherheit und das mangelnde Vertrauen und ich bin nach Hause geflogen. Ich kenne auch Beispiele, da lief das alles softer ab.

Ausschlaggebend ist, wie du als Schwangere in Mexiko bist: Expat-Frau ohne staatliche Verpflichtungen? Als Touristin eingereist mit Rund-um-Sorglos-Auslandskrankenversicherung? Oder selbst angestellte Steuerzahlerin in Mexiko? Im letzteren Fall trifft das alles auch auf dich zu, denn

  • Du bist gesetzlich mit dem IMSS versichert. Rechten heißt in dem Fall auch viele Pflichten.
  • Wenn du keine Rund-um-Sorglos-Auslandskrankenversicherung aus Deutschland hast, gilt in den privaten Krankenhäusern: Wer die Kreditkarte zücken kann, wird trotzdem behandelt.

 

 

Quelle Bildmaterial: pexels | Pixabay; pexels | Skitterphoto, privat | mexikanischgeplant.

2 Comments

  1. Hey, danke für den guten Text! Ich sehe mich in so einigen Punkten wieder… ich bin zwar kurz vor meinem Auslandssemester schwanger geworden und es war zeitlich kein Problem das dort zu beenden und dann zur Geburt zurück nach Hause zu fliegen aber die Vorsorgeuntersuchungen sind nicht Vergleichtbar mit dem Deutschen Standard – das habe ich dann beim zweiten Kind als sehr schön empfunden beim Gynäkologen um die Ecke. Ich sollte auch mal über meine Erfahrungen schreiben, weil man merkt doch wie schnell man alles wieder vergisst… über das Weinglas beim IMSS musste ich reichlich lachen 🤣

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