la mujer mexicana: Übers Stillen (Teil 1)

Frauen in Mexiko. Sie kämpfen für Emanzipation. Einige still und leise, andere mit vollem Karacho. Mit der Serie la mujer mexicana möchte ich zeigen, dass es nicht die eine Mexikanerin gibt, verschiedene Persönlichkeiten vorstellen und darüber schreiben, was sie mir gegeben haben und was ich von ihnen lernen konnte.

Teil 1: Wie mir Stillende in Mexiko gezeigt haben, dass der große Trommelwirbel und lautes Tohuwabohu um das öffentliche Stillen und gestillt werden völlig absurd ist. Es ist, wie du es machst und so ist es gut.

Es gibt nicht „the one and only Mexico“

Wenn ich von Mexiko erzähle, dann darf ich eigentlich nicht den Fehler machen und einfach mal drauf los schreiben, sondern mich fragen, um welches Mexiko handelt es sich eigentlich? Um das, in dem sich hoffnungslose und hoffnungsvolle Lateinamerikaner auf einen Zug, la Bestia, werfen, sich daran festklammern wie an ihre Vorstellung eines Landes, das es so gar nicht gibt, das Land der wahrgewordenen Träume, ihr Ziel: die USA (spätestens nach der letzten Präsidentschaftswahl ist mir klar: dort ist zwar wirklich alles möglich, nur eben nicht das, was sich die Zugfahrer erhoffen). Oder um das Mexiko der Schönen und Reichen, in dem die herausgeputzten Mädchen in rosa Bluse und kurzem Rock und Jungs im Matrosenlook morgens von ihrem Privat-Chauffeur in die Privatschule gefahren werden.

Die Unterschiede in der mexikanischen Gesellschaft sind nur eine kleine Beobachtung meinerseits und natürlich bin ich nicht die erste, der das auffällt. So schreiben auch die Psychologin Patricia Ramírez Buendía und der Psycholinguist Mauro Rodríguez Estrada:

La sociedad mexicana no es una unidad bien integrada, sino que es cierto sentido, es un mosaico. No hemos superado el antiguo orden de castas. Somos dos naciones en una: la nación moderna, la de la minoría privilegiada que acapara ciencia, riqueza y poder, y la antigua, la de la mayoría oprimida y marginada.

Eine zweigeteilte Nation. Die moderne Gesellschaft, privilegiert und in der Minderheit. Aber nicht die unterdrückte Art von Minderheit, denn das sind die anderen, die traditionelle Gesellschaft, die Mehrheit.

Stillen im stillen Örtchen gibt es hier nicht

Nein, wenn es um das Stillen geht, ist man in la Bestia und auch im Premium-Familien-SUV falsch. Die Zugfahrer sind nämlich überwiegend männlich, die High-Society überwiegend mit der Flasche ernährt.

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Na dann lieber das Fläschchen!

Wenn es um das Stillen geht, dann geht es um die Frauen, die zu Fuß auf den Straßen unterwegs sind, ihre Neugeborenen unabhängig der Jahreszeit in einer dicken knallpinke oder zarthellblaue Polyesterdecke eingewickelt, auf den Bus warten oder Tamales am Straßenrand (ver-)kaufen. Zugegeben, es könnten sich auch dreijährige Kleinkindern in dem Wulst aus Decke über Decke befinden. Gesehen habe ich nämlich noch nie, wer oder was da eigentlich herumgetragen wird. Oder wie es Ramírez und Rodríguez schreiben: es geht um die traditionelle Mexikanerin, die immerhin stolze 75 % der Frauen in Familien in der Gesellschaft ausmachen. Hier sind Frauen Mütter, mehr Mütter als Ehefrauen und vor allem nicht mit dem Mann gleichgestellt:

A diferencia de lo que suceda en las culturas anglosajonas, la mujer mexicana es más madre que esposa, se define más como protectora de los hijos que como compañera del hombre. En las familias tradicionalistas (75 por ciento al momento del estudio) la mujer protegida, dependiente […]; la dulce, fiel, no responsable de sí fuera del hogar.

Diese Mütter stillen. Nicht, weil sie sich nicht emanzipieren wollen, ebenso wenig aus bedingungsloser Liebe zu ihrem Nachwuchs und wegen der vielen guten Nährstoffe und Vitamine, sondern einfach, weil es ihre Mutter davor getan hat, und davor deren Mutter und vielleicht auch ein bisschen, weil es einfach am ökonomischsten ist. Weil sie die Verantwortung tragen. Es kommt sie günstiger, sie können selbst entscheiden, wann und wie viel ihr Baby zu trinken bekommt, müssen nicht den Ehemann beziehungsweise den Vater des Kindes um Erlaubnis/um Geld/um Mithilfe bitten.

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Lieber Cappuccino in der Nase als Klopapier am Schuh.

Während ich in Deutschland (und damit meine ich nicht Berlin Prenzlauer Berg mit den hippen Supermamis und den Stillcafés, sondern wieder die Provinzstadt im Süden) nach einem stillen Örtchen zum Stillen suchen musste und somit entweder in einer Umkleidekabine, im Klo des Kaffee-Stübles oder auf der Autorückbank landete, machte ich es mir in Mexiko bei einem leckeren Cappuccino im Hinterhof-Café gemütlich.

Ja. Die Wortwahl „suchen musste“ ist bewusst gewählt. Wir können junge, abenteuerlustige und selbstbewusste Frauen sein, alleine verreisen, promovieren, querdenken, Liebe machen und Spaß haben – und bei der ein oder anderen Situation auch schamlos unsere verletzlichsten Momente mit Fremden teilen. Mit dem Mutter werden legte sich bei mir ein Schalter um. Ich wurde verletzlich, angreifbar. Ich musste mir einen Rückzugsort suchen, weil ich den Blicken – mal vernichtend, mal gierig, ein anderes mal peinlich berührt – nicht standhalten konnte. Ich wusste, dass es ein reichlich debattiertes  Thema ist, dieses Phänomen des public breastfeeding. Ich kannte die Meinung der Gegner und wusste, wie viele es davon gibt. Deswegen machte ich mir auch ständig darüber Gedanken.

Unwissenheit schützt vor unnötigen Sorgen

Irgendwann fragte ich mich jedenfalls, ob all diese stillende Frauen hier in Mexiko eigentlich auch an Still-Debatten im Internet teilgenommen haben oder sich monatelang vor Geburt durch Bücher und Dokus gewälzt haben? Ich stehe dieser „in der Öffentlichkeit Stillen“-Diskussion irgendwie unschlüssig gegenüber. Warum ermöglichen wir überhaupt diesen Diskurs? Warum machen wir uns angreifbar, indem Vor- und Nachteile des öffentlichen Stillens lautstark erörtert werden? Warum erklären wir uns? Warum erkläre ich mich? Hätte ich nicht gewusst, wie verpönt es teilweise ist, die weibliche Brust zu ernährungszwecken zu gebrauchen (und dann auch noch an einem Ort der nicht aus meinen eigenen vier Wänden besteht), hätte ich mich dann trotzdem so unwohl gefühlt? Oder hätte ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, sondern mir die Mahlzeiten des Babys so angenehm wie möglich gestaltet ohne mich zu genieren?

Auch n Latte Macchiato frisch gezapft gefällig?

Schon nach kurzer Zeit in Mexiko kamen mir diese Gedanken und schnell wurde mir klar: Hier fragt niemand, ob es in Ordnung ist, wenn dem Säugling mal geschwind die Brust gegeben wird. Klar sollten Mütter bestärkt werden, wenn sie sich unsicher sind, ob sie außerhalb ihres Kämmerchens stillen können. Mütter sollten auch in Ruhe gelassen werden, wenn sie sich unwohl fühlen beim Stillen in der Öffentlichkeit. Aber dieser ganze Diskurs sollte nicht so aufgebauscht werden, denn dadurch werden Mütter verunsichert. Zum Beispiel Mütter wie mich, die sich vorher keine Gedanken darüber gemacht haben, dass es Menschen geben könnte, die ein Problem damit haben, wenn mein Neugeborenes an meiner (verdeckten) Brust hängt. Weniger „viel Lärm um nichts“ und mehr machen, was du für richtig hältst. Es ist, wie du es machst und so ist es gut. Ich suche mir ein ruhiges Eck, krame ein buntes Tuch aus der Tasche und schon kann klein Haubi trinken. Und wenn ich doch mal krumm angesehen werde, frage ich ganz souverän in meiner Kellnerinnen-Stimme aus vergangenen Zeiten: „Darf es für Sie auch ein Latte Macchiato frisch gezapft sein?“

 

Anmerkung: Hier geht es zur Abwechslung mal ausschließlich um biologische Mütter, keine Elter, keine Adoptiveltern und Co. Das ist mit dem Stillen (leider) so. Aber selbst wenn sich eine nicht-biologische Mutter eine künstliche Brust gefüllt mit Frischmilch um den Hals hängt, sollte das Gesagte hier gelten. Es ist, wie du es machst und so ist es gut.

Quelle Bildmaterial: unsplash | Liz Bridges; junebugs mumma; privat @mexikanischgeplant

Quelle Zitate: Psicología del mexicano en el trabajo

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