geborgen gebären

Das Kind ist mittlerweile schon acht Monate alt. Ein Herbstkind. Aber manche Dinge erzählen sich leichter aus der Retroperspektive.

Eine Geburt ist ein aufregendes, unvorhersehbares Erlebnis. Ein Grund nach Hause zu kommen.

Eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Mexiko, die sollte es zur Belohnung geben. Eine kleine Mexikanerin gebären, eine Green Card für die ganze Familie. Ein eigenes Ferienhäuschen in der Sonne, Karibik in der Rente. Was verlockend klingt, hat für mich einen bitteren Beigeschmack. Als ich von meiner Schwangerschaft erfahre, liege ich eingekugelt auf dem Sofa in meinem zuhause. Mexiko. Es braucht da nichts schönzureden, kotzübel war mir, ständig und überall. Aber das war nicht alles. Während der ersten Monate meiner Schwangerschaft fühle ich mich unausgeglichen. Aber nicht (nur) Hormonchaos-bedingt. Eine tiefe Unruhe zwickt mich nachts in die Seite, verwandelt mich in ein weißes Gespenst mit tiefen Augenringen. Ob ich den Mexikanern keine Geburt zutrauten würde? Ganz im Gegenteil; die Geburtenrate lässt ahnen, dass Erfahrung im Kinder zur Welt bringen durchaus vorhanden ist. Ob ich ihre Methoden nicht unterstützen würde? Mag sein; denn frei raus gesagt, ein Kaiserschnitt ist wirtschaftlicher. Maximales Resultat bei minimalem Zeitaufwand. Nicht so mein Ding.

Meine innere Balance finde ich erst wieder, als ich mich entschließe, mein Kind in Deutschland zu bekommen. Es wird mir erst später klar, dass diese Entscheidung die Rückkehr meiner inneren Ruhe bedeutet hat. Im Nachhinein sieht fra klarer. Wir denken, vier Wände und schön eingerichtete Zimmer reichen, um ein Haus zu unserem zuhause werden zu lassen. Wir fühlen uns wohl. Aber Geborgenheit ist das nicht.

Ich dachte hier geht es um mich?

Unvorhersehbar ist eine Geburt. Vor allem, wenn es die Erste ist. Dass wir uns dabei wohl in unserer Haut fühlen und unserer Umwelt vertrauen, wird uns an jeder Ecke ans Herz gelegt. So auch im mexikanischen Geburtsvorbereitungskurs. „Ein Kind kommt in Mexiko gleich zur Welt wie in Deutschland. Deine kleine Maus wird den Unterschied schon nicht merken,“ heißt es augenzwinkernd, oder: „Stell dir mal vor, deine Tochter wird eine kleine Mexikanerin. Wie aufregend. Bestimmt wird sie jeder beneiden in der Schule.“ Stopp. Das mit den vielen Ratschlägen kenne ich ja mittlerweile – kennt wahrscheinlich jede Schwangere diese „nett gemeinte“ Bevormundung. Aber in mir keimen Zweifel auf. Bin ich jetzt schon eine egoistische Mutter, obwohl ich noch nicht mal wirklich Mutter bin? „Warum sich hochschwanger dem Stress einer Flugreise aussetzen, nur, um in Deutschland das selbe zu machen, wie du hier auch tun würdest. Und die Rückreise mit Neugeborenem erst. Das arme Würmchen…,“ bohrt die Kursleiterin. Mehr Verständnis zum Glück von Seiten des Papas. Das Thema wird eigentlich nicht groß diskutiert in unserer Beziehung. Ich möchte nach Hause? Laptop wird gestartet und nach Flügen gesucht.

Wenn es um das Thema Geburt geht, dürfen doch wohl die Gebärenden entscheiden, wie und wo das sein sollte – und das sind nun mal, daran hat sich auch trotz Frauenwahlrecht, Frauenquote und Feminismus nichts geändert – die Frauen. Wenn sich die Evolution weiter entwickelt und die Männer das irgendwann können, werde ich die letzte sein, die versucht dem Mann vorzuschreiben wo er sein Kind zu bekommen hat (kurzer Zwischenruf: Würde sich das ein Mann überhaupt gefallen lassen?). Genauso wenig sollte die Wahl von Schwiegereltern, bald-Urgroßeltern, Kollegen oder vierfach-Mama-Bekanntschaften beeinflusst werden. Meistens sind die Wünsche sowieso ganz einfach: lieber zu Hause als im Krankenhaus, lieber eine Wassergeburt als ein Kaiserschnitt. Muss ja nicht immer gleich ein Flug über den Atlantik sein.

Home is where your heart is… oder so ähnlich

Ich möchte mich eigentlich nicht erklären müssen; ich könnte es überhaupt nicht. Es ist ein Gefühl und kein Ergebnis ein Pro- und Kontra-Rechnung. Unser zuhause ist Mexiko. Nicht für immer, nicht für lang. Wir sind (noch) zu zweit und sind glücklich. Es ist nur ein Gefühl, ein dicker Knoten im Magen, wenn ich an die Geburt in Mexiko denke. Oder vielleicht liegt genau da das Problem: ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Schwarz. Da kommt nichts. Wenn ich dann aber an die kleine Provinzstadt denke, von der ich mich immer so bald wie möglich losnabeln wollte, dann wird mir – wohlwissend wie kitschig das jetzt klingt – so richtig kuschelig warm ums Herz.

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Onkel in spe wartet auf ein boxen.

Ist doch eine schöne Vorstellung, so kurz bevor fra selbst Mutter wird, nochmal schnell eine Intensivkur „Mama“ zu machen: Jeden Tag ein großes Stück von bald-Omas leckerem Apfelkuchen essen, abends ein ordentliches Vesper mit Laugenbrötchen und Fleischsalat. Oh ja, Liebe geht durch den Magen.

Vertrauen ins Vertrauten

Angekommen in der Heimat melde ich mich in einem kleinen ländlichen Krankenhaus für die Geburt an. Sogar das Familienzimmer ist frei. Ganz familiär sieht es hier aus – die Problematik mangelnder Beleghebammen in (Groß-)Städten ist weit von hier entfernt. Hier fühle ich mich wohl. Ich kenne meine Krankenkassenleistungen, ich kenne den Ablauf der Wochenbettstation, ja, ich kenne sogar das Stillzimmer und auch einige Kinderkrankenschwestern erinnern sich an mich. Jahre ist es her, als ich als junge Schülerin fremde Neugeborene gewickelt habe. Hier fühle ich mich geborgen und ich stelle mir vor, wie es ist, wenn meine kleine Bauchbewohnerin schlüpft, wie Großeltern, Urgroßeltern und Freunde uns besuchen kommen werden. Entspannt streichle ich über meinen Bauch und fühle, wie sie sich in meine Handinnenfläche drückt. Auch wenn es eine dieser „Über-24-Stunden-nicht-enden-wollende“ Geburt werden sollte, ich freue mich zum ersten Mal richtig darauf. Ich bin daheim.

 

 

 

Quelle Bildmaterial: privat @mexikanischgeplant

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