Sich trauen mitzutrauern

Warum wir viel mehr über unsere Gefühle schreiben sollten.

Dezember 2016. Mein kleines Baby, stolze zwei Monate alt, liegt neben mir im großen King-Size-Bett und schläft friedlich. Ab und zu huscht ihr ein kleines Lächeln über das Gesicht. Was sie wohl gerade träumt? In diesen ruhigen Minuten lese ich den mutigen Bericht der Bloggerin Christine über die Trauer nach einer Fehlgeburt. Ich bin überrascht über die offene Art über ihre Gefühle zu schreiben. Heute bin ich ihr dankbar dafür.

Januar 2017, ein Monat später. Mein kleines Baby, mittlerweile stolze drei Monate alt, sitzt auf meinem Arm und beobachtet das Haus, die Straßenlaterne und den Kaktus, als hätte sie die Dinge noch nie vorher gesehen. Ich freue mich darüber, wie neugierig sie ist. Trotzdem hätte ich auch nichts dagegen, wenn sie ihre Erkundungstour mal durch einen zweistündigen Mittagsschlaf unterbrechen würde. Ich ärgere mich ein bisschen darüber, wie süchtig sie heute nach Aufmerksamkeit ist und darüber, dass ich auf dem Schreibtisch immer noch das offene Kapitel des Fortbildungskurses liegen habe und es doch so gerne heute beenden möchte.

Nach einem langen spätabendlichen Spaziergang in der Tragetasche ist das kleine Haubi (liebevoll abgeleitet von Schlafhaube, weil sie eigentlich schon immer gerne und ausgiebig schläft) nun endlich eingeschlafen und ich setze mich an den Schreibtisch. Daneben leuchtet das Handy auf. Drei ungelesene Nachrichten. Meine Deutschschülerin, eine schwangere befreundete Nachbarin, schreibt. Schon seit mehreren Tagen warte ich auf die Antwort, wann sie nach der Weihnachtspause mit den Stunden weitermachen möchte. Doch die erwartete Nachricht bleibt aus. Stattdessen steht da in knappen Worten: „Mein Baby ist verstorben. Es ist mir gerade nicht möglich an irgendetwas anderes zu denken.“ Es folgt eine lange Atempause.

Wie ein Blogeintrag mir hilft (das Richtige zu tun)

Noch vor vier Monaten war ich, wie sie jetzt, im achten Monat schwanger. Eine Zeit, in der ich mich nach dem Ende der Schwangerschaft sehnte und eigentlich nicht mehr daran dachte, dass etwas (schlimmes) passieren könnte.

Einer meiner ersten Gedanken ist der Artikel über die Trauer nach einer Totgeburt. Ohne die Worte der Bloggerin wäre es mir sicherlich noch schwerer gefallen, meine Nachbarin sofort zu besuchen. Es ist plötzlich, als wäre da eine fremde Frau, die mich in den nächsten Minuten begleitet und mir leise Mut zuspricht.

Mit Blumen in der Hand mache ich mich also auf den zweiminütigen Weg zum Haus meiner Nachbarin. Die Tür steht weit offen, leiser Gesang dringt auf den Gehweg hinaus und warmes Kerzenlicht leuchtet auf die Straße. Den Leichnam des Verstorbenen zuhause mit Kerzen zu beleuchten, zu besingen und die Tür weit offen stehen zu lassen, damit Freunde, Familie und auch Fremde mit den Hinterbliebenen Abschied nehmen können, das ist eine der Traditionen, die ich in Mexiko kennen lernen darf. Und dann steht er da. In weiß, keinen Meter lang und keine fünfzig Zentimeter breit: der verschlossene Sarg. Obwohl mir dieses Verhalten fremd vorkommt, empfinde ich tiefes Mitgefühl und es ist als kann man in dem Raum spüren, wie der Kerzenschein und die Stimmen der anwesenden Trauernden die Mutter trösten.

Auch, oder vor allem, wenn sich die trauernden Eltern in ihr Nest zurückziehen, ein Nest, dass sie in den letzten Wochen extra für das neue Familienmitglied noch heimischer gestaltet hatten, sollten sie nicht alleine sein. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich nicht weiß, wie es sich anfühlt, ein noch nicht einmal geborenes Kind schon im eigenen Bauch verloren zu haben, aber ich spüre in diesem Moment zum ersten Mal, wie wichtig nicht nur der Zusammenhalt der Familie ist, sondern auch die gemeinsame Trauer von Bekannten und Nachbarn.

Das Alleinsein sollten wir Deutschen uns manchmal abgewöhnen

Es scheint mir Teil unserer deutschen Kultur, den Mitmenschen nicht zu sehr auf die Füße treten zu wollen, den Nachbarn lieber nur höflich Hallo und Auf Wiedersehen zu sagen, eben die höfliche Distanz zu wahren. Aber es gibt Momente im Leben, da brauchen wir Menschen um uns herum. Menschen, die uns bestätigen, dass es richtig ist einen Verlust zu beweinen und dass man den Weg der Trauer nicht alleine gehen muss.

Heute, eine Woche später schreibt sie mir eine Nachricht. Sie möchte weiter Deutsch lernen. Sie möchte zwar nicht das Haus verlassen, sie würde sich freuen, wenn ich zu ihr kommen könnte. Auch mein Baby ist willkommen. Auch wenn ich nicht genau weiß, wie ich mich verhalten soll, so hoffe ich doch, ich werde ihr ein bisschen Normalität geben können. Und wenn es nur für zwei Stunden die Woche ist. Und wenn es nur durch ein bisschen Gesellschaft ist.

 

Quelle Bildmaterial: Gratisography | Pexels

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