Warum ein guter Vater nicht auch noch stillen können muss

Ein Plädoyer dafür, dass Väter auch nur Menschen sind.

Wie in so vielen „modernen“ Familien, haben auch mein Freund und ich uns dazu entschlossen, die Kindererziehung und alles was mit reinspielt zu teilen. Nicht Auge um Auge, nicht Zahn um Zahn, nicht pedantisch genau fifty fifty. Einfach aus dem Grund, weil wir uns mit unserer Entscheidung nicht auch noch selbst unter Druck setzen wollten. Schließlich wussten wir im Moment der Planung, als ich mit schwangerem Bauch und einer Tasse Tee zusammen mit Papa to be auf dem Sofa saß, noch nicht, was wirklich alles auf uns zukommen kann. Wie ein mexikanisches Sprichwort sagt: „Si quieres hacer reír a Dios cuéntale tus planes“ (Wenn du Gott zum lachen bringen möchtest, erzähle ihm deine Pläne).

Der Grundgedanke stand also fest, alles Weitere sollte sich entwickeln.

Weil es für uns vertraglich nicht möglich war die Elternzeit zu teilen (ja, auch solche Fälle kann es geben), kündigte ich meinen Job in der ausländischen Firma, um mich ein Jahr lang Baby, Windeln, Spucktüchern und anderen Kleinkind-Mamas zu widmen. Mein Freund sollte weiter arbeiten. Gerechtigkeitshalber muss ich an dieser Stelle anmerken, dass wir noch für ein Jahr in Mexiko leben würden… es gibt schlimmere Orte, um seine Elternzeit zu verbringen, beispielsweise dort, wo nicht jeden Tag im Jahr die Sonne scheint, die Kinderfreundlichkeit nicht so überschwänglich gelebt wird und man keine Haushaltshilfe quasi zur Miete dazu bekommt.

Vielleicht ein klitzekleines weniger 50:50-Aufgabenteilung

Fest stand also, Hälfte-hälfte im ersten Lebensjahr ist nicht möglich und wir ließen uns auf das Abenteuer „Traditionelle Gewaltenteilung in der Familie“ ein: Vater verdient die Brötchen Tortillas, Mutter wechselt die Windeln. Werktags.

Wenn das kleine Baby (ihre Identität möchte sie zunächst nicht preisgeben und wird im fortlaufenden Text liebevoll Haubi, abgeleitet von Schlafhaube, genannt) nicht gerade schläft, dann schlendern wir mit der Babytrage über die Wochenmärkte, sitzen mit einem frisch gepressten Wassermelonen-Guaven-Saft und frisch gezapfter Muttermilch auf der Parkbank und lesen ein Buch, gehen zusammen zum Sport oder bringen unseren eifrigen mexikanischen Nachbarn und Nachbarinnen ein bisschen Deutsch bei. Die aufmerksame Leserschaft merkt schnell, Haubi und ich, wir machen alles zusammen, sind ein eingespieltes Team.

Die Anforderungen an sich selbst runterschrauben

Nach vielen Stunden schwerster geistiger und körperlicher Arbeit fährt der Papa, wenn der Verkehr es zulässt, pünktlich um 18:30 Uhr in die Hofeinfahrt und freut sich wie ein Honigkuchenpferd auf den Abend mit seinem Mädchen. Und Mama freut sich auf ihren abendlichen Fortbildungskurs. Haubi denkt sich jedoch: Pustekuchen.

Steht zwar in jedem Ratgeber, dass sich ein Säugling zum einschlafen nur sicher und geborgen fühlen muss, dann schläft es wie von Zauberhand ohne schreien und murren ein, so entspricht das bei uns nicht ganz der Realität. Satt, trocken und sauber liegt Haubi nun in Papas Armen (wahlweise auch in der Babytrage oder auf seinem Bauch) und schreit. Schreit, als hätten wir es in der sibirischen Kälte in einen Käfig mit hungrigen Säbelzahntigern geworfen. Zugegeben, vielleicht würde auch schon die deutsche Kälte reichen 😉

Wie sieht die ganze Situation nun aus? Papa, der den Ratgeber gewissenhaft gelesen hat und sich an alle guten Tipps und Tricks halten möchte, erinnert sich an die Passage, in der sinngemäß steht: „Ihr Säugling braucht als Einschlafhilfe den Körperkontakt und die Nähe einer ihm vertrauten Person,“ und ist traurig. Ist er kein guter Papa? Keine Vertrauensperson für sein Baby? Haben sie am Wochenende doch nicht noch zusammen Grimassen gezogen, Lieder gesungen und den Bärenstep-Tanz getanzt? Doch, denn jeder Papa kann ein guter Papa sein, auch wenn er nicht stillen kann, oder sein Kind sich nicht von ihm in den Schlaf wiegen lässt.

Liebe Autorenschaft (fast) aller Eltern- und Kleinkindratgeber und liebe Leserschaft ebendieser Bücher

Ich verstehe, dass Mama und Papa in den Büchern seit der ganzen Genderdebatte gleichberechtigt erwähnt werden. Schließlich stimme auch ich dem zu, dass Mama nicht das alleinige Allheilmittel für ihr Baby ist. Aber nehmen wir nicht jedes Wort so ernst und denken daran, dass zwar jedes Kleinkind anders ist (wie es gefühlt auf jeder Buchseite geschrieben steht), aber auch die Umstände und die Eltern sind nicht genormt und in Stein gemeißelt. Und setzen wir die Papas doch ein bisschen weniger unter Leistungsdruck. Gestehen wir uns lieber ein, dass ein Kind, dass den Papa nur abends und am Wochenende sieht, vielleicht doch bevorzugt bei der Mama zur Ruhe kommt und machen wir den Papas daraus keinen Vorwurf. Sind sie vielleicht die besseren Spielkameraden. Letztendlich kann auch jede Mama eine gute Mama sein, auch wenn sie nicht den Bärenstep-Tanz beherrscht, oder ihre Grimassen nicht so lustig sind wie die von Papa. Und mit der Zeit und mit ein bisschen Gewohnheit ändert sich das vielleicht auch wieder. Lassen wir es auf uns zukommen.

Es kommt wie es kommt

Siehe da, einen Monat später und mit ein bisschen Eingewöhnungszeit sitzt Haubi mit Papa am Sonntagabend im Wohnzimmer, trinkt munter die abgepumpte Muttermilch und kann es nicht glauben, dass plötzlich auch Papa „stillen kann“. Oder war es vielleicht doch so: Um all dem unnötigen Stress ein Ende zu bereiten, wechselt Mama ihren Kurs auf den Vormittag. So fahren Haubi und Mama nun immer zusammen zum Fortbildungscenter und belustigen die Lehrerin mit großen, wissbegierigen Babyaugen.

 

Quelle Bildmaterial: Marina Shatskih | Pexels

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